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15. Dezember 2015

Schicksal der Familie Murad bewegt

Der Freundeskreis Asyl erinnert an die Anfänge vor zehn Jahren mit Mahnwache und einem Podiumsgespräch zum Kirchenasyl.

  1. Vor zehn Jahren lebte Familie Murad sechs Monate im Kirchenasyl. Zur Gedenkveranstaltung kamen (von links): Nour Murad, Fabronia Murad, Jörg Hinderer, Hannelore Nuss, Herwig Popken, Viktoria Murad, Dagmar Henninger, Sami und Schukri Murad Foto: Danielle Hirschberger

RHEINFELDEN. "Die Zahl der Menschen, die vor Gefahren und Willkür durch ein Kirchenasyl geschützt werden, steigt wieder. Aktuell gibt es in der Bundesrepublik 291 Kirchenasyle in denen 459 Personen leben", informierte Pfarrer Jörg Hinderer im Pfarreizentrum St. Josef. Vor zehn Jahren war die syrische Familie Murad von Abschiebung bedroht und konnte durch das Kirchenasyl Zeit gewinnen für eine Anhörung vor der Härtekommission. Mit Mahnwache, Film und Podiumsdiskussion wurde der 10. Jahrestag am Sonntagabend lebendig begangen.

Die Jubiläumsveranstaltung begann mit einer Mahnwache vor dem Rathaus. Eine Abteilung der Stadtmusik spielte dazu Weihnachtslieder und gab den 100 Teilnehmern einen feierlichen Rahmen.

Sechs Monate lebte das christliche Ehepaar Viktoria und Sami Murad mit den Kindern Fabronia, Schukri und Nour in den Räumen des Pfarreizentrums. Der Film "Ein Tag im Kirchenasyl" der damals gedreht wurde, rüttelte viele Erinnerungen wach. Auch Hannelore Nuss sagte: "Es fällt nicht leicht, daran zurückzudenken". Jörg Hinderer rief als Moderator der Gedächtnisveranstaltung Menschen zu sich ans Mikrofon, die damals dabei waren. Paul Schmidle berichtete von den vorausgegangen, zum Teil sehr langen Sitzungen des Pfarrgemeinderates, in denen der einstimmige Beschluss gefasst wurde, die Familie zu unterstützen. "Die Versorgung der Familie sei einfacher gewesen als befürchtet", sagte Dagmar Henninger rückblickend.

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Kirchenasyl und Mahnwachen, aber noch immer Unsicherheit

Die Zusicherung der Polizei, die Kinder nicht ohne die Eltern abzuschieben, habe den Kindern weiterhin den Schulbesuch ermöglicht. Die Drei konnten auch Besorgungen machen und ihre Freunde besuchen. Nur die Erwachsenen seien völlig isoliert gewesen, deshalb habe man häufig Besuche gemacht. Täglich wurden Mahnwachen für alle syrischen Flüchtlinge organisiert.

"Die Vielzahl der Kirchenasyle geht positiv aus, hier war dies auch der Fall", sagte Jörg Hinderer. Für Sami und Schukri Murad ist der Aufenthalt in Deutschland allerdings immer noch nicht gesichert. Sami Murad, der im St. Josefshaus arbeitet, hat aktuell eine Fiktionsbescheinigung zugeschickt bekommen, das ist eine Androhung auf Duldung, bei der er jederzeit abgeschoben werden kann. Er muss einen Sprachkurs vorweisen.

Schukri Murad, mittlerweile ausgebildeter Physiotherapeut, bekommt vom hiesigen Ausländeramt keine unbefristete Niederlassungserlaubnis. Er muss alle drei Monate die Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen. Die Niederlassungserlaubnis sei aber eine Voraussetzung für die Einbürgerung. Seine Schwester Fabronia hat diese Bescheinigung in Tübingen, wo sie studiert, sofort bekommen. Das führte zu der Frage aus dem Publikum, ob bei der örtlichen Ausländerbehörde Verbesserungen möglich seien? Hannelore Nuss meinte, sie sei zuversichtlich, dass sich Bürgermeisterin Diana Stöcker für Flüchtlinge einsetze. Die Bürgermeisterin war erkrankt und konnte deshalb nicht am Podiumsgespräch teilnehmen.

In den Pfarrsaal waren auch viele Syrer gekommen, die ebenfalls ihre Heimat verlassen mussten. Diese stellten die Frage, was für Fabronia das Schwerste nach der Ankunft in Deutschland gewesen sei. Die Studentin erzählte lachend, zuerst habe sie über die deutsche Sprache gedacht: "O Gott, das lernst du nie!" Ehrlich erzählte sie, dass ihr die Anfangszeit in der Schule sehr schwer gefallen sei. Sie sei ausgelacht worden, weil sie nicht richtig Deutsch sprechen konnte, war immer abseits, immer alleine. Sie habe sich nicht getraut zu sagen, dass sie im Heim wohnt. "Mit der Zeit wurde ich integriert und heute stehe ich drüber, heute kann ich sagen, dass ich im Heim gewohnt habe."

Nach dem Kirchenasyl musste die Familie noch einmal in die Gemeinschaftsunterkunft zurückgehen, bis alle bürokratischen Hürden überwunden waren. Viktoria Murad hatte vorher schon im St. Josefshaus gearbeitet und konnte ihre Arbeit sofort wieder aufnehmen.

Bei Schwierigkeiten hilft eine Anwältin weiter

Bei aktuellen Schwierigkeiten bekommt die Familie die Hilfe einer Anwältin, und alle hoffen auf eine gute Zukunft für die integrierte Familie, zu der auch Hundedame Shiva gehört und ein gepachteter Garten in Nollingen.

Paul Schmidle, damals Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, hatte sich für ein offenes Kirchenasyl entschieden, um zu verhindern, dass die Flüchtlinge "zu lange in einem Pfarrhaus gefangen sind. Die Bekanntheit der Familie durch die örtliche Presse und das Fernsehen hat geholfen, die Zeit auf sechs Monate zu beschränken.Die Christen der Pfarrgemeinde hat die gemeinsame Aufgabe zusammengeschweißt," sagte er.

Das Schicksal der Flüchtlingsfamilie Murad führte zur Gründung des Freundeskreises Asyl, der seit zehn Jahren Asylbewerber unterstützt.

Autor: Danielle Hirschberger