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22. Oktober 2014

Viel Verständnis bei den Problemen

BZ-PORTRÄT: Der 48-jährige Jürgen Kempf leitet die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Schildgasse.

  1. Jürgen Kempf vor der Fläche, auf der am Samstag der neue Spielplatz für die 120 Kinder in der Gemeinschaftsunterkunft errichtet wurde. Foto: Martina Proprenter

RHEINFELDEN. Die Aufgabe ist derzeit nicht leicht: mit 420 Personen, die in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Schildgasse leben, ist diese überbelegt. Monatlich kommen 50 weitere Flüchtlinge hinzu, während nur wenige in eine eigene Wohnung ausziehen können. Dennoch strahlt der neue Heimleiter Jürgen Kempf eine beeindruckende Ruhe aus und präsentiert häufig seine Lachfalten.

Reibungslos hatte im März der Wechsel stattgefunden. Petra Mayer, die bisherige Heimleiterin, hat die beiden Häuser in Schönau und Todtnau übernommen. Kempf, der seit Dezember 2013 die Rheinfelder Sozialarbeiter unterstützte, die Leitung in Rheinfelden. Wie ein typischer Arbeitstag aussieht? "Den gibt es nicht", lacht der 48-Jährige. Verlief die Nacht ruhig und ohne dringende Anliegen, setzt er sich morgens für eine Viertelstunde mit seinem Team zusammen und erledigt viel Organisationsarbeit.

Nur lobende Worte hat er für seine Mitarbeiter übrig, schwärmt davon, dass er gerne Leute im Team hat, die Lebenserfahrung mitbringen. Denn: "Es geht nicht, nur eine Fallnummer zu sehen", unterstreicht Kempf, "es geht bei unserer Arbeit immer um Menschen und menschliche Probleme." Nicht immer bringen die Flüchtlinge ihre Anliegen und Wünsche diplomatisch vor, werden manchmal laut, was Kempf ihnen aber gut nachempfinden kann. Denn die Zeit ihrer Flucht, die Unterbringung in der Landeserstaufnahmestelle und schließlich in Rheinfelden prägt. "Ich bin keinem böse", erklärt Kempf, "zumindest nicht auf Dauer", fügt er lachend an.

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Kempf selbst bringt viel berufliche Erfahrung mit. Bereits in den 1990ern arbeitete der Verwaltungsfachwirt in Freiburg bei der Beratungsstelle für Asyl und erinnert sich, dass es damals "eine andere Zeit war", wenig Empathie und Unterstützung für Flüchtlinge in der Bevölkerung gezeigt wurde. Ganz anders heute, wo etwa der Freundeskreis Asyl aktiv ist, die Kooperation mit Schulen und der VHS sehr gut funktioniert. Von 2000 bis 2003 war er Heimleiter in Grenzach-Wyhlen, kümmerte sich um 100 Asylbewerber und 100 Spätaussiedler. Der Unterschied zur aktuellen Arbeit? "Das Heim war kleiner", meint Kempf pragmatisch. Dass er trotz seiner sympathischen Art auch durchgreifen kann, um Streitigkeiten zu schlichten, die bei über 400 Menschen verschiedener Kulturkreise, die auf engem Raum zusammenleben, zwangläufig auftreten, glaubt man ihm sofort, wenn er anfängt, mit laut donnernder Stimme zu reden.

Nicht immer kann er Arbeit und Privatleben trennen, denn "manche Geschichten gehen sehr nahe". Entsprechend engagiert er sich auch in seiner Freizeit, etwa bei den Grünen, für die er bei der letzten Kommunalwahl antrat, aber nicht in den Gemeinderat gewählt wurde. Wenn es die Zeit zulässt, möchte er sich zwei bis vier Monate Zeit nehmen und mit einem Motorrad die Route 66 entlangfahren, die symbolträchtige Ost-West-Verbindung in Amerika. Vor 15 Jahren hat er sein eigenes Motorrad verkauft, denn in Deutschland möchte er nicht mehr fahren, "zu gefährlich". Lieber verbringt er Zeit mit seinem Kind und seiner Frau, für die er damals nach Rheinfelden gezogen ist und heute nicht mehr aus der Stadt weg möchte.

Autor: Martina Proprenter