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05. November 2015

Welt Drumherum hat sich verändert

Der Leseverein Riedmatt wird 150 Jahre alt.

  1. Stöbern im alten Buchbestand des Vereins: links die Zweite Vorsitzende Heidi Rieger, rechts Vorsitzende Angelika Rutner Foto: Danielle Hirschberger

RHEINFELDEN. Kein Fernseher, kein Radio, kein Telefon, kein Internet, kein Smartphone, nichts von alledem, das heute so selbstverständlich ist. In dieser anderen Welt erkennt ein 17-jähriger Mann aus Riedmatt die Notwendigkeit von Wissen und Bildung für die Bewohner seines Dorfes. Er gründet an Weihnachten 1865 den Leseverein Riedmatt zur Erwachsenenbildung.

Der neu gegründete Verein abonniert zunächst Zeitungen und Zeitschriften, die den Vereinsmitgliedern zum Lesen angeboten werden. Später kommen Bücher dazu, der Leseverein beginnt allmählich, eine wichtige Rolle im kulturellen Leben des Dorfes zu spielen. In einer sich rapide ändernden Welt feiert der Leseverein Riedmatt das 150-Jährige – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das lachende Auge blickt stolz auf eine 150-jährige kulturelle Mitarbeit im Dorf zurück. Das ist eine Zeit, in der einer weitgehend mittellosen Bevölkerung der Zugang zu Zeitungen und Büchern ermöglicht wurde. Louis Dietsche, Sohn eines Brauereibesitzers, wollte die Dorfbewohner aus ihrer Alltagslethargie wachrütteln, er wollte, dass sie sich informieren und weiterbilden, um zu aufgeschlossenen und fortschrittlichen Bürgern zu werden. Er gründete den Leseverein und stellte in seinem Elternhaus ein Lesezimmer für Vereinsmitglieder zur Verfügung, in dem sie die ausgelegten Tageszeitungen lesen konnten. Angesprochen waren allerdings nur Männer – erst ab 1919 wurden auch Frauen in den Verein aufgenommen. Das hat Louis Dietsche nicht mehr erlebt, er starb erst 28-jährig an einer Lungenkrankheit.

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Das weinende Auge weiß von einem Verein, dessen Mitglieder fast alle über 60 Jahre alt sind, der Schwierigkeiten hat, junge Menschen von den Vereinszielen zu überzeugen. Vor einigen Jahren waren die Auswahlbücher von Reader’s Digest der Renner, sie waren beliebt und wurden regelrecht verschlungen. Eines Tages wurden diese Romane den älter werdenden Vereinsmitgliedern zu schwer und zu groß, die Serie musste wieder abbestellt werden. Meterweise ruhen Auswahlbücher im Bücherschrank. Harry Potter verstaubt heute genauso hinter Glas wie einige antiquarische Schätze, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Schließlich hat die interessante und immer aktuelle Stadtbibliothek der Kernstadt Rheinfelden, die auch über moderne Medien verfügt, den Bestand des Lesevereins nicht mehr konkurrenzfähig gemacht. Von den neun Zeitungen, die 1865 für die interessierten Leser abonniert wurden, ist nur das Geo-Heft übrig geblieben, das noch gelesen wird.

Im Vereinszimmer findet jeden Monat ein Treffen statt. Eine besondere Aufgabe ist die Heranführung von Kindern an das Lesen. Dazu werden regelmäßig in der Adventszeit den Grundschülern in der Karsauer Christian-Heinrich-Zeller-Schule Geschichten vorgelesen und anschließend wird etwas gebastelt, das einen Bezug zur vorgelesenen Geschichte hat. Pro Nachmittag sind rund 30 Kinder angemeldet.

Im Elternhaus der Vorsitzenden Angelika Rutner war der Leseverein ständig präsent. Ihr Vater Walter Schlachter war von 1951 bis 1988 Vorsitzender. Schon als Schülerin trug Angelika Rutner Einladungen aus oder holte alle drei Monate die Mitgliedsbeiträge bei den Familien ab, die damals noch in bar gezahlt wurden. 1988 übernahm sie die Vereinsführung. Für die Vielleserin ist ein Leben ohne Literatur undenkbar, dazu kommt die Pflege der Traditionen im Ort und die Kontaktpflege, die der Leseverein ermöglicht.

Die Zweite Vorsitzende Heidi Rieger wohnte schon viele Jahre in Karsau, bevor sie dem Verein beitrat – durch einen Kurs der VHS, wo sie Angelika Rutner kennenlernte. Es besteht immer noch eine Hemmschwelle, einfach so zu einem Verein zu gehen. "Früher war der Kontakt innerhalb der Gemeinde größer, heute fährt man mit dem Auto aneinander vorbei, es gibt keine Gesprächsmöglichkeit mehr" sagt Angelika Rutner.

Der fehlende Nachwuchs macht der Vorsitzenden Sorgen. Eigentlich möchte sie nach fast 30 Jahren den Vorsitz übergeben, doch es ist schwierig geworden, neue Mitglieder zu gewinnen. Von den ursprünglichen Zielen der Erwachsenenbildung ist geblieben, dass der Leseverein ein Ort des Austauschs und der inneren Ruhe, ohne Leistungs- und Zeitdruck, ohne Konkurrenzdenken ist.

Zum 125-Jährigen wurde eine Festschrift herausgegeben, die mit den Worten schließt: "Es würde uns freuen, wenn diese Festschrift viele Einwohner auf den Verein neugierig gemacht hat und sie sich zu einem Beitritt für diese gute und traditionsreiche Sache entschließen könnten". Daran hat sich nichts geändert.

Festakt zum Jubiläum

Sein 150-jähriges Bestehen feiert der Leseverein Riedmatt mit Mitgliedern und geladenen Gästen am Samstag, 7. November, im Hotel Danner. Es beginnt um 17 Uhr mit einem Sektempfang. Nach der Begrüßung und Ansprache durch die Vorsitzende Angelika Rutner wird ein Festessen gereicht. Kathrin und Wolfgang Haller führen musikalisch durch den Abend. Höhepunkt ist der Auftritt von Mundartdichter Markus Manfred Jung. Der Freundeskreis Asyl erhält eine Spende zur Anschaffung von Wörterbüchern bei seiner Arbeit in der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge.  

Autor: dhr

Autor: Danielle Hirschberger