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02. August 2017 07:12 Uhr

Unwetter

Baum erschlägt 15-Jährigen in Zeltlager bei Rickenbach – unverletzte Teilnehmer sind wieder zu Hause

Zwei Bäume sind in ein Zeltlager bei Rickenbach gestürzt und haben mehrere Jugendliche getroffen. Ein 15-jähriger Junge ist sofort gestorben. Ein 14-Jähriger befindet sich noch in der Klinik.

  1. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: dpa

  2. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: dpa

  3. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: dpa

  4. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: Felix Held

  5. Nicht weit entfernt von der Unglücksstelle stehen Häuser. Foto: Felix Held

  6. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: Felix Held

  7. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: Martin Eckert

  8. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: Martin Eckert

  9. Großeinsatz bei Rickenbach: In einem Zeltlager ist ein Junge von einem Baum erschlagen worden. Foto: Martin Eckert

Ein Teil des Gruppenzelts liegt zerstört am Boden, daneben die durchnässten Schlafsäcke. Äste und Stämme sind überall auf der Wiese verteilt, die Wurzeln eines Baumes ragen in die Höhe. In der Nacht zum Mittwoch sind auf dem Spielplatz nördlich des Rickenbacher Ortsteiles Egg zwei Bäume während eines Unwetters umgestürzt. Ein Junge ist dabei von einem Baum erschlagen worden und sofort gestorben. Er übernachtete in einem Jugendzeltlager in einer Gruppe mit mehreren Betreuern. Drei weitere Jungen wurden verletzt, außerdem ein Betreuer. Der Zustand eines lebensbedrohlich verletzten 14-Jährigen ist laut Albert Zeh vom Bad Säckinger Polizeirevier mittlerweile stabil.



Der verstorbene Junge ist 15 Jahre alt gewesen. Das teilte Zeh der BZ vor Ort mit. Zur Klärung der genauen Todesursache wurde beim Verstorbenen eine Obduktion veranlasst. Die Jugendgruppe eines Vereins komme aus dem Raum Stuttgart. Die Jungen seien zwischen 13 und 16 Jahre alt, wie die Polizei nun mitgeteilt hat. Sie gehörten zu einer Gruppe von 21 Menschen, darunter vier Betreuer. Zum Alter der Betreuer macht die Polizei noch keine Angaben. Ein Betreuer befindet sich noch in ärztlicher Behandlung.

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Die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen hat das Kriminalkommissariat Waldshut-Tiengen mit den Ermittlungen betraut. Derzeit geht es darum, den Geschehensablauf möglichst genau zu rekonstruieren. Bislang gehen die Ermittler davon aus, dass der Sturm die Bäume umgerissen hat. Von einem Blitzeinschlag gebe es zumindest keine sichtbaren Spuren. Die umgestürzten Bäume sind laut Polizei etwa 30 und 40 Meter hoch: Der 30 Meter große Baum sei auf das Zelt gestürzt. Laut Bad Säckingens Feuerwehr-Stadtkommandant Tobias Förster habe der Baum einen Durchmesser von etwa 70 bis 80 Zentimetern: Dieser sei direkt in das Zelt eingeschlagen und habe einen 15-Jährigen sofort getötet. Ein weiterer Jugendlicher hat laut Bad Säckingens Feuerwehr-Stadtkommandant Tobias Förster ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und wurde in Basel operiert. Der Zustand des 14-Jährigen sei mittlerweile stabil, teilte Polizist Zeh vor Ort mit. Zwei Leichterverletzte, ein 13- und ein 14-Jähriger, seien zudem im Spital Waldshut behandelt worden.

"Mir wäre es lieber, wenn der ganze Wald weg wäre, aber das Kind noch leben würde." Dietmar Zäpernick
Laut Albert Zeh soll es sich bei den umgestürzten Bäumen um eine Tanne und eine Douglasie handeln. Einer der Bäume wurde komplett entwurzelt. Der andere ist abgespalten und danach umgedrückt worden. Die beiden Bäume standen auf der Mitte des Platzes, und gehörten nicht zu der Gruppe, die um den Spielplatz herum stehen. Die Einsatzkräfte vor Ort sind erschüttert. Seit 1984 sei er im Dienst, und habe so etwas noch nicht erlebt, sagt Zeh. Rickenbachs Bürgermeister Dietmar Zäpernick sagt, 1999 habe er den Sturm Lothar erlebt, der massenhaft Bäume umknickte: "Mir wäre es lieber, wenn der ganze Wald weg wäre, aber das Kind noch leben würde."

"Wir wollten, dass so wenige Einsatzkräfte wie möglich traumatisiert werden." Tobias Ücker
Der Kommandant der Rickenbacher Feuerwehr, Tobias Ücker erzählt, dass der schwerverletzte Junge schon von Rettungskräften versorgt wurde, als die Feuerwehr an der Unglücksstelle ankam. Dass ein Junge tot sei, sei zu dem Zeitpunkt schon klar gewesen. "Wir haben uns dann erstmal gefragt, wer fähig ist, den Jungen zu bergen. Wir wollten, dass so wenige Einsatzkräfte wie möglich traumatisiert werden." Auch für ihn sei das ein außergewöhnlich schlimmer Einsatz: "Tote sehen wir alle zwei Jahren mal, bei Unfällen auf der Straße. So etwas wie hier habe ich aber noch nie erlebt."

Teil der Gruppe übernachtete in Schutzhütte

Dietmar Zäpernick sagte der BZ, dass es sich um keinen offiziellen Zeltplatz handelt – sondern um einen Spielplatz. Zäpernick war nachts zur Unglücksstelle gefahren. Die Gemeinde sei nicht darüber informiert worden, dass die Zeltgruppe dort übernachte, so der Bürgermeister. Zäpernick sagt aber, die Polizei habe ihm gesagt, dass man auf einer Wanderung für eine Nacht sein Zelt aufschlagen dürfe. Ob jemand für das tragische Unglück zur Verantwortung gezogen werden kann, das klärt nun das Kriminalkommissariat Waldshut.

Auf dem Platz befindet sich auch eine Schutzhütte. Hier haben laut ersten Erkenntnissen der Polizei wohl einige der Jugendlichen übernachtet – nicht alle hätten in das Gruppenzelt gepasst. In der Hütte wurden auch Schlafsäcke gefunden. Das große weiße Zelt steht noch zum Teil zerstört auf dem Platz. Es ist etwa 20 Quadratmeter groß, Eisenstangen stehen hervor.

Unwetterwarnung nur Minuten vorher

Das verheerende Unwetter war nur Minuten vorher vorherzusehen. Eine Vorinformation vom Deutschen Wetterdienst gab es aber schon früher. Auch wenn die Unwetterwarnung erst so kurzfristig kam, es gab bereits Anzeichen, dass es zu Sturmböen kommen könnte – und das schon am Dienstag.

Das Zeltlager sei wohl als Tagesausflug geplant gewesen, sagt Polizist Albert Zeh. Die Hauptgruppe sei in Schwörstadt geblieben, während sich ein kleinerer Teil zu dem Zeltplatz bei Rickenbach aufmachte. Unklar ist, ob diese überhaupt ein Auto dabei hatten, in dem sie hätten Schutz suchen können, oder ob sie gebracht wurden.

Psychologische Betreuer begleiten unverletzte Teilnehmer nach Hause

Die Hauptgruppe ist laut Zeh mittlerweile wieder zurück in die Heimat aufgebrochen, nach Herrenberg im Kreis Böblingen. Unterwegs sind außerdem die unverletzten Teilnehmer des Zeltlagers von Rickenbach in einem Bus der Südbaden-Bus GmbH (SBG). Die SBG hat einen Bus bereitgestellt, um die Jugendlichen nach Hause zu bringen, teilt das DRK mit – und bedankt sich bei dem Unternehmen für die rasche Hilfe. Helfer des Kriseninterventionsteams und der DRK Ortsvereine Rickenbach begleiten den Transport. Das DRK war in der Nacht mit 52 Kräften im Einsatz.

"Die Jugendlichen und ihre Betreuer sind von dem Unwetter überrascht worden." Tobias Förster
Im Einsatz waren die Feuerwehren aus Rickenbach, Herrischried und Bad Säckingen. "Insgesamt waren 80 Feuerwehrleute vor Ort", sagt der Kommandant der Rickenbacher Feuerwehr, Tobias Ücker. Der Bad Säckinger Stadtkommandant Tobias Förster sagte am Mittwochmorgen gegenüber der BZ: "Die Jugendlichen und ihre Betreuer sind von dem Unwetter überrascht worden." Nach dem Unglück wurde das Zeltlager geräumt. Laut Polizei wurde die betroffene Gruppe in einem Gebäude der Gemeinde betreut.

Wegen umgestürzter Bäume Probleme zum Unglücksort zu kommen

Die Einsatzkräfte von weiter weg, darunter auch der Notarzt, hätten wegen zahlreicher umgestürzter Bäume auch auf den Straßen Probleme gehabt, überhaupt an den Unglücksort zu gelangen. Die Alarmierung nach Egg sei für die Bad Säckinger Feuerwehr gegen 2.10 Uhr erfolgt. Der erste Einsatz wegen des Unwetters sei bereits um 1.43 Uhr losgegangen. Das Unwetter hatte zahlreiche Bäume in der Region umgestürzt.

Deutscher Wetterdienst hatte vor Unwetter gewarnt

Der Deutsche Wetterdienst hatte für das Gebiet am Mittwochmorgen die höchste Gewitterwarnstufe ausgerufen. In der Region stürzten viele Bäume um, parkende Autos wurden beschädigt. Häuser wurden von herumfliegenden Dachziegeln getroffen.

Insgesamt hat alleine die Bad Säckinger Feuerwehr während der Nacht zehn Einsätze gehabt. Noch am Mittwochmorgen seien einige seiner Kameraden im Einsatz gewesen, um die letzten umgefallenen Bäume zu beseitigen, so Tobias Förster. Zu dem Einsatz in Egg sei die Bad Säckinger Wehr mit dem Rüstzug, der 18 Mann umfasst, ausgerückt. Auch ein Rettungshubschrauber war unterwegs.




Auch andere Jugendzeltlager wurden in der Nacht geräumt

Am Bodensee in Bayern wurde in der Nacht ein Campingplatz geräumt. Dort seien bei einem Unwetter Bäume umgestürzt, sagte ein Polizeisprecher. Einige seien auf geparkte Autos gefallen. Ein Wagen sei gegen einen umgestürzten Baum gefahren. Laut Polizei war der größte Campingplatz in Lindau mit etwa 400 Stellplätzen betroffen.

Im bayrischen Deggendorf wurden rund 100 Jugendliche bei einem mehrtägigen Treffen der Bundespolizei vorsorglich in Sicherheit gebracht. Wegen einer Unwetterwarnung hätten die Jugendlichen die Nacht in einer Sporthalle verbracht, teilte die Polizei auf Twitter mit.

Erst vor zwei Wochen war in Dortmund eine Frau von einem Baum erschlagen worden. Die 51-Jährige saß mit Nachbarn in ihrem Garten, als ein Baum auf die Frau stürzte. Obwohl Angehörige sie unter dem Baum hervorzogen, wurde die Frau so schwer verletzt, dass sie wenige Stunden später in einer Klinik starb.

Autor: Felix Held, Julia Dreier, David Weigend, dpa, aktualisiert um 16.19 Uhr