Familien in Syrien stehen zueinander

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Mi, 05. September 2018

Rickenbach

Adham Alahmad lebt seit 2014 in Deutschland und berichtet bei "Weltreise durch Wohnzimmer" aus seiner früheren Heimat.

RICKENBACH-EGG. Auf "Weltreise durch Wohnzimmer" waren drei Frauen gemeinsam mit Initiatorin und Caritasmitarbeiterin Anneli Ahnert bei der syrischen Familie Alahmad in Egg zu Gast. Das Gemeinschaftsprojekt von Caritas und Diakonie möchte zur Integration beitragen, indem es zu Familien nach Hause einlädt, um deren Kultur und Lebensweise kennen zu lernen.

Diejenigen, die sich auf eine solche Wohnzimmer-Weltreise begeben, erhalten einen entsprechenden Pass, in dem ihre jeweiligen Reiseziele abgestempelt werden. Das Projekt ist fortlaufend und findet statt, sobald sich Gastgeber und interessierte Reiseteilnehmer zusammengefunden haben.

Vor rund zwei Jahren sei sie bei ihrer Recherche zu Integrationsprojekten auf einen Verein im Norden Deutschlands gestoßen, der diese Idee umgesetzt habe, erzählt Anneli Ahnert, und habe sie für sich adaptiert. Adham Alahmad und seine Familie kennt sie schon lange, und sie haben sich gerne dazu bereit erklärt, zur Wohnzimmerweltreise zu sich nach Egg einzuladen.

Der heute 41-jährige Vater von drei Mädchen kam Ende Februar 2014 nach Deutschland. Zunächst war er in Karlsruhe, von dort aus wurde er nach Rickenbach geschickt, seine Frau Yasmin und seine Kinder konnten im März 2015 nach Deutschland nachkommen. Von Beruf ist er Kameramann und Gemälderestaurator, arbeitet aber jetzt seit mehr als zwei Jahren bei der Firma Vogt Plastik in Hottingen. Seine Frau hat eine IT-Ausbildung und hat in Syrien in der Verwaltung gearbeitet, jetzt kümmert sie sich um den Haushalt und die Kinder. Die Gäste der Wohnzimmerreise interessierten vor allem Unterschiede zwischen Syrien und Deutschland, und Adham Alahmad betonte zunächst die hohe Wertschätzung der Familie in seinem Heimatland Syrien.

Dort seien Altersversorgung und Kinderbetreuung kein Thema, denn alle Generationen seien in der Großfamilie aufgehoben und immer jemand zu Hause, der sich darum kümmere. Auch jetzt, in Deutschland, treffen sich die Familien aus seiner Verwandtschaft, die hier leben, mindestens alle 14 Tage einmal, und er findet es sehr traurig, wie wenig Kontakt deutsche Familienangehörige oft untereinander haben.

Auch an die Infrastruktur in Deutschland musste er sich mühsam gewöhnen. In einer Gemeinde in Syrien, die so groß ist wie Egg, erzählt er, gibt es mindestens zwei Bäckereien, Obst- und Gemüseläden, zwei bis drei Ärzte und Kleinbusse, die alle halbe Stunde Mitfahrwillige einsammeln und an ihren Zielort transportieren. In Deutschland musste er teilweise für einen zehnminütigen Arztbesuch mit einer seiner Töchter aufgrund der Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel fünf Stunden einkalkulieren, die Wartezeiten gar nicht mitgerechnet, bis er überhaupt einen Termin bekam. Solche Wartezeiten kannte er aus Syrien nicht.

Eigentlich findet er aber den Umgang mit Terminen in Deutschland besser als in seiner Heimat, weil man sich auf einmal abgesprochene Termine verlassen könne. In Syrien kämen dagegen viele Begegnungen unangemeldet zustande, und bei offiziellen Angelegenheiten spiele auch oft die Bezahlung unter der Hand eine Rolle, das sei ein großer Nachteil.

Ohne Krieg wäre dennoch Syrien das Land seiner Wahl. Vor dem Krieg hätten alle friedlich nebeneinander gelebt, teilweise gleich mehrere Religionen in einer Straße, seit Beginn des Krieges im März 2011 sei alles durcheinander geraten. Die Regierung bemühe sich, den Kernbereich von Damaskus als Vorzeigeort zu etablieren, aber rundum sei alles zerstört.

Die vergleichsweise früheren Essenszeiten in Deutschland findet Adham Alahmad ganz in Ordnung, in Syrien isst man dreimal am Tag, um 8 Uhr, um 15 Uhr und um 20 Uhr, aber die vielen Fertigprodukte mag er überhaupt nicht. Er liebt es, wenn seine Frau ausgiebig kocht. Yasmin Alahmad bot den Weltreisenden eine selbst gemachte Süßspeise an aus Milch und Maisstärke, gewürzt mit Rosenwasser und dekoriert mit Pistazien und Kokosflocken, die in Syrien bei Hochzeiten im Winter kredenzt wird, dazu arabischen Kaffee.

Offen beantwortete sie auch typische Frauenfragen nach Make-up, dem Umgang mit lästigen Härchen oder dem Haarfärben. In Syrien, verriet sie, ist bei der Geburt nach wie vor ausschließlich der Arzt dabei. Syrerinnen treiben selten Sport, aber da sie meist mehrere Kinder haben und oft auch noch zur Arbeit gehen, sind sie ohnehin immer auf Achse.

Weitere Infos: "Weltreise durch Wohnzimmer": Caritasverband Hochrhein e.V., Anneli Ahnert, E-Mail: a.ahnert@caritas-hochrhein.de, Telefon 07761/569837; Diakonisches Werk Hochrhein, Marion Pfeiffer; E-Mail: m.pfeiffer@dw-hochrhein.de, Telefon 07751/83040
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