Hotzenwald

Schlammschlacht um Moosmann gerät außer Kontrolle

Katja Mielcarek

Von Katja Mielcarek

Mi, 06. Juli 2011

Rickenbach

Als Hoffnungsträger ist Norbert Moosmann einst in Rickenbach gestartet, inzwischen droht dem Bürgermeister und dem Städtchen eine Scheidung mit Schrecken.

Drohbriefe, Drohanrufe, Sachbeschädigungen und jetzt ein Attentat mit einer Molotowcocktail-Attrappe – Norbert Moosmann, Bürgermeister der Hotzenwald-Gemeinde Rickenbach, hatte sich seinen Arbeitsalltag sicher ruhiger vorgestellt, als er vor gut vier Jahren sein Amt in dem 3780-Einwohner-Ort antrat. Der Ausbildungsbeamte der Post ohne Verwaltungserfahrung hatte sich mit knapp 50 Prozent im ersten und rund 60 Prozent im zweiten Wahlgang gegen lokale Mitbewerber durchgesetzt und folgte Georg Keller, der die Geschicke Rickenbachs 24 Jahre lang gelenkt hatte.

Moosmann hatte sich unter anderem auf die Fahne geschrieben, unvoreingenommen der "Vetterleswirtschaft" entgegenzutreten. Er ging schwungvoll ans Werk und holte sich das ein oder andere Mal eine blutige Nase – bildlich gesprochen. Die Umsetzung des vom Vorgänger übernommenen Feuerwehrbedarfplans ließ die Feuerwehr meutern, Überlegungen zwei Kindergärten zusammenzulegen rief die Eltern auf den Plan.

Auch im Rathaus lief es nicht rund, der langjährige Hauptamtsleiter ging freiwillig früher in den Ruhestand, die Rede war von atmosphärischen Störungen. Der in der Gemeinde beliebte Rechnungsamtsleiter musste wegen Unregelmäßigkeiten seinen Hut nehmen – mitten in den Vorbereitungen für den Haushalt 2009. So blieb zunächst unentdeckt, dass 1,6 Millionen Euro sowohl als Rücklagen als auch als Haushaltsrest im Haushaltsplan auftauchten. Im Gefühl üppiger Rücklagen hatte sich die Gemeinde zu viel geleistet und war Anfang 2010 "quasi pleite", wie es Moosmann öffentlich formulierte.

Den offenen Umgang gegenüber den Medien nahmen ihm einige Gemeinderäte übel – wie auch seine "Unbelehrbarkeit", "Dickköpfigkeit", "fehlerhafte oder unvollständige Informationen und Sitzungsunterlagen", so die Vorwürfe aus dem Gremium. Moosmann sah sich in den Sitzungen immer wieder starkem Gegenwind ausgesetzt – auch nach der Kommunalwahl 2009, die sechs neue Räte in das 15-köpfige Gremium spülte.

Die monatlichen Zusammenkünfte erfreuten sich bei den Zuhörern wachsender Beliebtheit, – war doch immer was geboten. Zum Beispiel, dass die Räte Moosmann die Gefolgschaft verweigerten, als es um die Auswahl des neuen Hauptamtsleiters ging – unter normalen Umständen wird der Kandidat des Bürgermeisters anstandslos abgenickt. In Rickenbach hätte der Gemeinderat lieber einen Gegenspieler Moosmanns auf dem Posten gesehen.

Der Tagesordnungspunkt "Fragen aus dem Gemeinderat" geriet zur Abrechnung der Räte mit dem zunehmend ungeliebten Bürgermeister. Und das mit einer so schönen Regelmäßigkeit, dass Moosmann den Tagesordnungspunkt kurzerhand abschaffte – widerrechtlich, wie er sich vom Landratsamt Waldshut belehren lassen musste.

Besonders übel nahmen die Rickenbacher ihrem Bürgermeister, dass er aus der Gemeinde ins rund 90 Kilometer entfernte Bad Krozingen zog. Der verbat sich vehement jede Einmischung in sein Privatleben – ohne Erfolg. In der Gemeinde war man jederzeit gut informiert über Moosmanns Lebensverhältnisse – auch über die Heirat mit seinem Partner, die sich blitzschnell in Rickenbach herumsprach.

Die Konflikte spitzten sich zu, 2010 sah sich der Bürgermeister mehreren Drohanrufen und -briefen ausgesetzt, sein Auto wurde beschmiert, und im Rathaus wurde ihm ein Paket mit einer toten Maus zugestellt. Die ständigen Konflikte hinterließen ihre Spuren, Moosmann fehlte immer wieder krankheitsbedingt zuletzt knapp ein Jahr lang, die Bürgermeisterstellverteter und zuletzt ein Amtsverweser sprangen ein.

Im März dieses Jahres wollte er seinen Dienst im Rahmen einer Wiedereingliederungsmaßnahme wieder aufnehmen. 15 Wochenstunden bot er auf Anraten des behandelnden und des Amtsarztes an, das Landratsamt lehnte ab. Der Landrat äußerte über die Presse deutliche Zweifel am Amtsverständnis des Bürgermeisters. Der Konflikt wird demnächst vor dem Verwaltungsgericht ausgetragen.

Am Freitag hatte Norbert Moosmann seinen Dienst mit 20 Wochenstunden wieder aufgenommen – bis Sonntagabend. Dann kam durch das geöffnete Fenster seines Amtszimmers eine Attrappe eines Molotow-Cocktails geflogen, die Rathaustür war mit einem Holzkeil von außen verrammelt, die Polizei musste Moosmann befreien und fand zudem einen Drohbrief, der den Bürgermeister zur Amtsaufgabe auffordert.

Drohbriefe forderten Moosmann zur Amtsübergabe auf

Moosmann, der körperlich nicht verletzt wurde, ist seitdem wieder in ärztlicher Behandlung, der weitere Fortgang ist ungewiss. In Rickenbach herrscht durchaus Bestürzung über den Vorfall, aber wie groß die Distanz zum Bürgermeister inzwischen ist, zeigt die Tatsache, dass die Stimmen immer lauter werden, die Moosmann unterstellen, er habe das Attentat inszeniert. Öffentlich geäußert hat diesen Verdacht einer der drei Bürgermeisterstellvertreter. Der Betroffene selber will sich derzeit nicht äußern.

Die Polizei wird in Kürze Bilder einer Überwachungskamera auswerten, was die Hoffnung nährt, dass zumindest dieses Kapitel in der unschönen Geschichte von Norbert Moosmann und der Gemeinde Rickenbach geschlossen werden kann.