Praktischer Einblick in die Politik

Michael Haberer

Von Michael Haberer

Do, 07. Oktober 2010

Riegel

Politik-Unterricht einmal anders: Riegeler Schüler spielen Kommunalpolitiker / Fiktive Ratssitzung mit Bürgermeister Jablonski.

RIEGEL. In der Gemeinde Riegel wird derzeit ein Generationen übergreifendes Jugend- und Familienkonzept erarbeitet. Dazu gehört eine Umfrage, die in einem Jugendforum im Dezember ausgewertet wird, aber auch Schulunterricht im Rathaus, bei dem gerade die höheren Klassen "Politikunterricht mal anders" erfahren können. Dieses Kennenlernen von Kommunalpolitik fand für die Hauptschüler der Michaelschule und der Heinrich-Hoffmann-Schule am Montag und Dienstag statt.

Am Dienstagmorgen durfte die neunte Klasse der Michaelschule auch Gemeinderat spielen. Als Gemeinderäte einer fiktiven Gemeinde berieten sie mit Bürgermeister Markus Jablonski, wie man in vorgegebenen Tagesordnungspunkten entscheiden könnte. Zuerst sondierte Bildungsreferent Udo Wenzl, wie groß das Interesse der Jugendlichen an Politik überhaupt ist. Dabei zeigten die Jugendlichen nur ein mäßiges Interesse an der Politik. Zuhause, so das Resümee, werde wohl auch nicht so oft über Politik geredet. Ein Thema beschäftigt derzeit aber irgendwie praktisch jede Familie: "Stuttgart 21". Auch die Teilnahme am Gemeinde- und Vereinsleben scheint nicht sonderlich ausgeprägt.

In den Sitzungsunterlagen für die Gemeinderatsdiskussion kamen Themen wie Erhöhung der Eintrittspreise für das Schwimmbad und Verschönerung einer Straße vor. Beim Schwimmbad sahen sich die Nachwuchspolitiker vor allem als Nutzer. Da sie den Eintritt ins Schwimmbad vom eigenen Taschengeld bezahlen müssen, konnten sie Jablonskis Vorschlag einer kräftigen Erhöhung gegen das finanzielle Defizit nicht mittragen. Dabei wurde auch ganz sachlich argumentiert: Lohnt sich die Erhöhung überhaupt, wenn dann die Jugendlichen wegbleiben?

Eher ans Sparen dachten sie, als es um die Verschönerung einer Straße ging. Diese sollte laut Vorgabe für einen Wettbewerb teuer aufgemöbelt werden. Dass dies rausgeschmissenes Geld wäre, falls man den Wettbewerb nicht gewinne, war eine verbreitete Ansicht. Da konnte eine moderate Verschönerung mit Blumenkübeln eher punkten.

An einem Beispiel kam die Schülerdiskussion der Debatte in einem Gemeinderatgremium aus Erwachsenen recht nahe. Es ging um einen Skaterplatz, der auf dem Schulhof angelegt werden sollte. Rundum gab es Bedenken, ob sich der erwartete Lärm, Randale, Sprayer und Müll mit einem Schulhof vertrügen. Es wurde zwar erwogen, feste Regeln aufzustellen. Doch wer schaut drauf, damit die auch eingehalten werden, wurde gefragt. Dabei kam von einem Jungen der bemerkenswerte Satz: "Unsere Jugend ist so, dass sie sich kaum an Regeln hält." Deshalb dachte die Runde über eine versteckte Kamera nach. Letztendlich waren sich die jungen Gemeinderäte sicher, dass ein Skaterplatz doch besser im Industriegebiet aufgehoben sei. Und ein Junge argumentierte aus Sicht eines Nutzers: "Da kommt wenigstens keiner ständig vorbei und meckert."

Nachdem alles entschieden war, lud Jablonski die Hauptschüler in eine echte Gemeinderatssitzung ein. Da waren alle Feuer und Flamme. Auf Nachfrage informierte Jablonski, dass die Sitzungen immer um 20 Uhr beginnen. Da sank die Lust. Sich den Abend mit Kommunalpolitik um die Ohren schlagen ist dann doch nicht der Renner für die 15-Jährigen.