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07. September 2011

"Wir brauchen etwas, das zieht"

Bürgermeister Markus Jablonski weist die Kritik des Kunstmalers Karl-Heinz Thiel an der Riegeler Museumskonzeption zurück.

  1. Die alte Schule wird zum Bürgerhaus. Die Front des Foyers (rechts) ist schon verglast, die Zehntscheuer, künftiges Museum, hat schon ihre Fenster. Foto: Michael haberer

RIEGEL. Das Archäologische Museum zieht gegen Ende des Jahres um. Am neuen Standort in der früheren Zehntscheuer bei der Alten Schule wird es auch eine neue Konzeption bekommen. Zu den Römern in Riegel wird die Geschichte von Raketen- und Düsenantrieb kommen. Muss oder darf das sein? Das fragt der Riegeler Kunstmaler Karl-Heinz Thiel.

Für ihn hat das Thema zu wenig mit Riegel zu tun. Außerdem erscheint ihm die Vorgeschichte jener, die den Aufhänger zur neuen Konzeption geben, suspekt: Für Thiel waren dies Waffenspezialisten mit brauner Vergangenheit.

Nach dem Krieg waren in der Riegeler "Arche" eine Reihe von Triebwerksspezialisten untergebracht. Sie machten hier Zwischenstation auf ihrem Weg zu einem künftigen französischen Entwicklungszentrum, wo sie zumindest anfangs Hitlers V 2-Rakete rekonstruieren sollten. Die Franzosen waren wie die Amerikaner und die Russen scharf auf die deutschen Experten, die in der Triebwerksentwicklung im Nazireich teils fundamentale Fortschritte erzielt hatten. Jene dieser Fachleute, die den Weg zu den Franzosen gefunden haben, wurden im Raum Emmendingen und die Treibwerksspezialisten unter ihnen in Riegel untergebracht.

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Der Gemeinderat hat nun vor den Ferien entschieden, dieser Geschichte ein Teil des Museums zu widmen. Insbesondere der Geschichtsvereinsvorsitzende Peter Ziegler und Bürgermeister Markus Jablonski waren dabei die treibenden Kräfte. Für Thiel ist das Konzept "eine Frechheit gegenüber jenen Menschen, die in Riegel gewirkt haben." Triebwerksspezialisten, die nur ein Zwischenstopp in Riegel gemacht und eine braune Vergangenheit hätten, gehörten nach seinem Dafürhalten nicht in dieses Museum. Er sagt, dass Riegel mit der Geschichte der Brauerei oder dem Bildhauer Anton Anreith genug Alternativen habe, die es wert seien ausgestellt zu werden. Thiel glaubt, dass die thematische Erweiterung des Museums zwar die Zustimmung des Vorstandes des Geschichtsvereins habe, aber nicht die des ganzen Geschichtsvereins. "Wenn man ehrlich wäre, sollte man die neue Abteilung Peter-Ziegler-Gedächtnisraum taufen", sagt Thiel. Er weiß, dass noch andere in der Gemeinde seine Haltung teilen.

Bürgermeister Jablonski meint zur fragwürdigen Vorgeschichte: "Eine von den Kritikern vermutete Darstellung oder gar Verherrlichung der unsäglichen deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 wird nicht erfolgen. Vielmehr geht es darum, die Begeisterung insbesondere junger Leute für die Technik, hier der Antriebstechnik von Flugzeugen und Raketen, zu fördern." Er verweist darauf, dass die Informationsfahnen gerade erst erarbeitet werden. Er bietet den Kritikern an, sie könnten an den Texten mitwirken. Jablonski zeigt sich bereit, eine geschichtliche Reflexion in die Texte einzubauen.

Wolfgang Trost: Die Ariane startete in der Arche in Riegel

Peter Ziegler betont, dass es um Technik gehe. Dabei werde durchaus auf den Hintergrund der Experten hingewiesen. Doch es solle niemand angeklagt werden. Er verweist darauf, dass etwa ein Viertel der Museumsfläche für die Raketentechnik reserviert sei. Dabei ist der große Aufhänger die Europa-Rakete Ariane, von der auch ein Treibstofftank am Ortseingang aufgestellt werden soll. Immerhin hat der Triebwerkspezialist Heinz Bringer, der an den Grundlagen für den Ariane-Antrieb gearbeitet hat, auch in Riegel geforscht. Der Kernphysikers Wolfgang Trost, der im Kreisjahrbuch über die Raketenforscher im Raum Emmendingen geschrieben hat, meinte dazu augenzwinkernd: "Die Ariane startete in der Arche in Riegel."

Im zweiten Viertel des künftigen Museums geht es um den Düsenantrieb. Ziegler sieht hier durchaus Bezüge zu Riegel, die über das Intermezzo nach dem Krieg hinaus gehen. So fertigt die Riegeler Firma Zikun den Turbolöscher. Dessen Leistungskraft basiert auf dem Schub von Düsentriebwerken. Der Vater dieser Technik ist Ziegler.

Grundsätzlich sehen Ziegler und Jablonski nichts Vergleichbares in der Riegeler Geschichte, das angesichts der vorhanden Exponate und der europäischen Bedeutung mit Düsentrieb und Ariane vergleichbar wären. "Wir brauchen etwas, das zieht", findet Jablonski. Dabei sei man offen für Exponate anderer Themen, ergänzt er. Im Foyer sei genug Raum für Wechselausstellungen. Ziegler ergänzt, dass inzwischen auch Angebote eingeholt werden für eine Vitrine, um Riegeler Zeugnisse der Steinzeit zu präsentieren.

Beide bedauern, dass die Kritiker nie bei ihnen nachgefragt hätten, wie die letztendliche Konzeption der neuen Abteilung aussehen wird. "Wer auf diese Art und Weise kritisiert, ja vorverurteilt, ohne überhaupt jemals das Konzept der Ausstellung erläutert bekommen zu haben, der sollte sich und seinen Umgangsstil überdenken", sagt Bürgermeister Markus Jablonski.

Autor: Michael Haberer