Vor der deutschen Meisterschaft

Christiane Knittel: „Manchmal bin ich zu lieb“

Georg Gulde

Von Georg Gulde

Fr, 11. März 2011

Ringen

Christiane Knittel will im 13. Anlauf erstmals Ringermeisterin werden – und träumt von Olympia.

RINGEN. "Nein", sagt Christiane Knittel, "die 13 halte ich nicht für eine Unglückszahl". Für die 28-jährige Frau ist die 13 eine Zahl wie jede andere. Und weil die Freiburgerin eben nicht den Eindruck vermittelt, dass sie arg abergläubisch ist, geht sie gelassen mit der Tatsache um, dass die 13 an diesem Wochenende doch eine nicht ganz unbedeutende Rolle in ihrem Leben als Sportlerin spielt. Denn zum 13. Mal nimmt die Studentin an einer deutschen Meisterschaft im Ringen in der Aktivenklasse teil – und die findet von Freitag bis Sonntag statt, also vom 11. bis 13.(!) März. Allerdings wird sie schon am Samstag, 12. März, wissen, ob sie ihren Konkurrentinnen ein Schnippchen geschlagen hat und deutsche Meisterin geworden ist. Denn die Kämpfe in den acht Gewichtsklassen der Frauen werden ausschließlich an diesem Tag ausgetragen. Nur einzelne Finalduelle der Freistil-Männer gehen noch am Sonntag über die Bühne.

Für Christiane Knittel sind es besonders wichtige Titelkämpfe, die vom KSV Sulzbach (Nordbaden) in der Bonhoeffer-Sporthalle zu Weinheim ausgerichtet werden. Denn noch nie ist die Wirtschaftsinformatikerin aus dem Breisgau, die derzeit an der Fachhochschule Furtwangen ihren Master macht, bei deutschen Frauen-Meisterschaften auf dem ersten Rang gelandet. Im 13. Versuch soll’s nun klappen. "Es wird schwierig, aber ich kann’s packen", sagt Christiane Knittel mit Überzeugung in der Stimme.

Sie hat sich gut vorbereitet, vielleicht sogar besser als jemals zuvor. Neben ihren Übungseinheiten am Olympiastützpunkt Freiburg/Schwarzwald, wo sie oft gegen Männer ringt, hat sich die 28-Jährige seit einem halben Jahr auch einmal pro Woche einem speziellen Training unterzogen. Tim Hübner, ehemals deutscher Juniorenmeister im Freistil und einst Co-Trainer der RKG Freiburg, hat Knittel auf ihrem Weg zur DM intensiv begleitet und wird sie auch bei den Kämpfen am Samstag in Weinheim betreuen. Hübner, der auch das Männerteam von Knittels Heimatverein ASV 1885 Freiburg in der Bezirksliga coacht, hat viel Wert auf das Verfeinern der Technik gelegt, "denn physisch und konditionell ist Christiane ohnehin stark". Aber gelegentlich fehlt der Freiburgerin jener Schuss Aggressivität, der "nun mal in einer Kampfsportart wie dem Ringen nötig ist" (Hübner). Knittel selbst sagt: "Auf der Ringermatte bin ich manchmal zu lieb."

Zu sich selbst musste die Athletin in den vergangenen Wochen indes ziemlich hart sein. Denn die 1,62 Meter große Sportlerin, die normalerweise zwischen 62 und 64 Kilo auf die Waage bringt, hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Normalerweise kämpft sie in der 59-Kilo-Klasse. Als der Internationale Verband vor Jahren die Weichen gestellt hat, dass auch Frauen-Ringen olympische Sportart werden kann, wurden aber nur vier der acht Frauen-Gewichtsklassen olympisch: 48, 55, 63 und 72 Kilogramm. Und da die Vorbereitungen auf Olympia 2012 in London mit der deutschen Meisterschaft in Weinheim beginnen, blieb Christiane Knittel kein anderer Weg, als die Tortour in Richtung 55-Kilo-Klasse mitzumachen. Neun Kilo mussten über mehrere Monaten heruntergehungert werden, von abspecken kann bei Christiane Knittel nicht die Rede sein – schließlich sind da keine Speckpolster vorhanden.

Seit einigen Monaten arbeitet die Ringerin mit einer Ernährungsberaterin zusammen, die auch andere Sportler des Olympiastützpunkts Freiburg/ Schwarzwald in Sachen Essen unterstützt. Wenn sich andere auf üppige Mahlzeiten stürzen, stochert die Ringerin meist nur im Salat herum. Der Sportler-Ehrgeiz hat seinen Preis zuallererst am Esstisch. Darüber klagen wird Christiane Knittel nicht. Sie weiß, dass das Gewichtmachen genauso zum Ringen dazu gehört wie der Schultersieg.

Wer so viel Disziplin an den Tag legt, der will auch mal belohnt werden. Für Christiane Knittel ist die DM sehr wichtig, sie soll erste Station auf dem Weg zu Olympia 2012 sein. Die EM vom 29. März bis 3. April in Dortmund, die WM im Herbst in Istanbul, weitere Qualifikationsturniere – zuallererst wird die Siegerin der deutschen Meisterschaft gefragt sein, wenn es gilt, dem Deutschen Ringer-Bund einen Startplatz für Olympia 2012 zu sichern. Vielleicht ist Christiane Knittel in der 55 Kilogramm-Klasse diese Siegerin. Zu lieb will sie auf der Matte jedenfalls nicht mehr sein.