Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Dezember 2011

WKG-Ringer machen ihren Traum wahr

Weitenau-Wieslet wird mit 22:17-Sieg in Ketsch Regionalligameister und steigt in die 2. Bundesliga auf / Semisorow und Funk bleiben.

  1. Szenen von der Siegesfeier der WKG Weitenau-Wieslet: Alexander Semisorow (links, blaues Trikot) war dem Ketscher Kevin Schellin technisch-überlegen. Am Ende reckte Trainer Roland Vögtlin den Meisterschaftswimpel des Baden-Württembergischen Ringerverbandes in die Höhe. Foto: Jochen Dippel

  2. Kai Vögtlin (rechts) sichert gegen Thilo Dicker den Gesamterfolg der WKG. Foto: Jochen Dippel

  3. Einmarsch der WKG-Gladiatoren vor den jubelnden Fans in Ketsch. Foto: Jochen Dippel

  4. David Muller belauert den Gegner. Foto: Jochen Dippel

  5. Foto: Jochen Dippel

RINGEN. Die WKG Weitenau-Wieslet hat es geschafft. Mit einem 22:17-Erfolg beim KSV Ketsch gewann die Ringerstaffel von Trainer Roland Vögtlin am letzten Kampftag die Meisterschaft in der Regionalliga Baden-Württemberg und stieg damit in die Südstaffel der zweiten Bundesliga auf. Mehr als 350 begeisterte Zuschauer, darunter rund die Hälfte aus dem Kleinen Wiesental, erlebten dabei eine packende, hochklassige und bis zur letzten Sekunde spannende Partie, die zu einer Werbung für das zuletzt immer mehr in Verruf geratene Ringen geriet.

Zwei Minuten können bisweilen gaaaaaanz schön lange dauern. Für die Ringer der WKG Weitenau-Wieslet waren dies gefühlte 365 Tage. Denn jene zwei Minuten, nämlich genau eine Runde, fehlten ihnen im Vorjahr in der Gemeindehalle Tegernau zum Unentschieden im letzten Saisonkampf gegen den KSV Ketsch und zum Aufstieg in die zweite Liga. Am Samstag standen sich beide Mannschaften im finalen Duell erneut gegenüber – diesmal jedoch in Ketsch. Und erneut hatte die Staffel aus dem Kleinen Wiesental den Aufstieg ganz dicht vor Augen. Dazu benötigte der Tabellenführer der Regionalliga lediglich einen Sieg.

Werbung


Und um zehn vor zehn abends fehlten der WKG Weitenau-Wieslet ebenfalls nur noch zwei erfolgreiche Minuten zum Glück. Pascal Ruh hatte im vorletzten Kampf die Tür zur zweiten Liga weit aufgestoßen. Der Weltergewichtler führte im ungeliebten Greco-Stil gegen Christoph Ries mit 2:0 Runden – und hatte den Gesamtvorsprung der Gäste damit auf 19:13 Punkte ausgebaut – zumindest virtuell. Doch unterlag der WKG-Athlet trotz einer grandiosen kämpferischen Vorstellung noch mit 2:3, so dass die Gastgeber auf 16:19 verkürzten. Selbst einige eigens angereiste Beobachter vom punktgleichen Verfolger ASV Urloffen witterten plötzlich wieder Morgenluft.

Kai Vögtlin bringt die Meisterschaft endgültig unter Dach und Fach

Mithin musste es Kai Vögtlin richten. Und der Freistil-Weltergewichtler ließ sich nicht lumpen. Zwar ließ er seinen Gegner Thilo Dicker von Beginn an seine Entschlossenheit spüren und lag auch mit 1:0 vorn. Doch dann wurde der Trainerfilius kurz vor Rundenende überrascht, kassierte eine Zweierwertung und gab damit den ersten Durchgang ab. Die unermüdlich singenden, schreienden und trommelnden WKG-Anhänger, allen voran der Fanclub "Die Roddys", stöhnten zwar lauthals auf, peitschten Kai Vögtlin aber weiterhin unverdrossen nach vorne. Und der 74-Kilo-Athlet blieb in einem Duell auf Augenhöhe fortan cool und konzentriert, rang überlegt und startete schließlich im richtigen Moment die entscheidenden Beinangriffe. Um zehn nach zehn war es dann endlich geschafft. Kai Vögtlin gewann mit 3:1. Und noch vor der Siegerehrung stürmten seine Teamkollegen die Matte, fielen über ihn her und begruben ihn unter einem Berg aus Menschenleibern.

Der Rest war Jubel pur. Die Rheinhalle in der rund 13 000 Einwohner zählenden Stadt Ketsch avancierte zum reinen Freudenhaus – zumindest auf der Seite der Gäste. Während die einheimischen Zuschauer schnell die Halle verließen, tanzten, sangen und feierten die Fans der WKG Weitenau-Wieslet, die zuvor bereits zwei Stunden lang ununterbrochen ihre Stimmbänder strapaziert hatten, was das Zeug hielt und sämtliche Geräuschelemente hergaben. Immerhin hatten sie sich zuvor bei der Anreise in einem großen Doppeldeckerbus erstaunlicherweise geschont. Statt ihre verbalen Kräfte zu verausgaben, übten sie sich vielmehr in strategischen Brett- und Kartenspielen. Und hinterher war es mit den Sangeskünsten auch nicht weit her. Nur als die unvermeidliche Siegeshymne von The Queen "We are the Champions" ertönte, gaben sie plötzlich noch einmal alles: Sie sangen voller Inbrunst. In der Halle hatten sie sogar schon von einem "Derbysieg in Zell" nächste Saison geträumt.

Schnell streiften sich die WKG-Ringer ihre vorsorglich mitgebrachten Meister-T-Shirts über. "Wir sind dann mal oben" war dort vorne in Anlehnung an den SC Freiburg zu lesen, während hinten "Regionalligameister 2011" in gelben Lettern auf schwarzem Grund stand. "Es ist sicher schlimmer, wenn man aufsteigt und keine entsprechenden T-Shirts dabei hat, als wenn man welche hat, mit denen man nichts anfangen kann", kommentierte Simon Dürr die Aktion schmunzelnd. Der Fliegengewichtler hatte zu Beginn die Basis für den Triumph gelegt. Denn im Greco-Stil bezwang er mit einer Klasseleistung den Routinier Hasan Yilmaz, der zuletzt dem langjährigen Nendinger Erstligaringer Gavrila nur mit 2:3 unterlegen war, unerwartet deutlich mit 3:0 und revanchierte sich damit für die 0:3-Niederlage in der Hinrunde im Freistil.

Als danach Schwergewichtler Markus Eichin ("Gegen den muss ich einen Vierer machen") den Nachwuchsmann Alfred Batzler nach nur 34 Sekunden schulterte, fühlten sich die Gästefans schon wie die Meister. Doch zwei Kämpfe später war aus der 7:0-Führung ein 7:8-Rückstand geworden. Zunächst war Pascal Funk trotz guter Leistung chancenlos gegen den Polen Mariusz Walkowiak, und anschließend lag Marc Sutter nach mehrwöchiger Verletzungspause gegen dessen Landsmann Marius Wetzel schnell auf den Schultern. Auch danach dauerte das Wechselspiel an: Zwar besiegte David Muller den starken Ketscher Özkan Bas mit 3:1, doch verlor nach der Pause Alex Asal gegen den Rumänen Ion Cerne an mit 0:3, auch wenn der souveräne Mattenleiter Stefan Schreibe (Obereises) hier Asal um einen Rundengewinn brachte.

Wieder einmal war es Alexander Semisorow, der Weitenau-Wieslet endgültig auf die Siegerstraße führte. Nach seinem 3:0-Sieg im Hinkampf gelang ihm nun gegen einen keineswegs schwachen Kevin Schellin ein überhöhter Punktsieg. Den 14:12-Vorsprung baute Tobias Oßwald mit einem hart erkämpften 3:1-Erfolg gegen Hikmet Akyol zum 19:16 aus, ehe Pascal Ruh und Kai Vögtlin alles klar machten.

Autor: Jochen Dippel