Es weht der Wind der Zuversicht

Erika Sieberts

Von Erika Sieberts

Fr, 03. März 2017

Ringsheim

Beim traditionellen Heringsessen der SPD in Ringsheim war der eigentliche Star des Abends Kanzlerkandidat Martin Schulz.

RINGSHEIM. Es weht der Wind der Zuversicht bei der SPD – so auch bei den Genossen im Wahlkreis Emmendingen-Lahr. Beim 40. Heringsessen am Aschermittwoch haben sich rund 50 SPD-Mitglieder der Kreisgruppe Süd im Lokal "Zum Hirschen" getroffen, um sich aufs neue Jahr einzustimmen, diesmal auf die Bundestagswahl am 24. September und auf den Kandidaten, der die SPD beflügelt: Martin Schulz.

Eine Seelenverwandtschaft mit dem ehemaligen Bundestagsmitglied aus Emmendingen, Peter Dreßen, stellte Moderator Roland Hirsch, Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat Lahr, fest. Beide seien nah an den Menschen. Der langjährige Gewerkschaftsvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Dreßen sagte: "Wir müssen mit vielen Menschen reden und Demokratie, Pressefreiheit und unabhängige Justiz verteidigen." Er halte es für gut, die Hartzgesetze zu überarbeiten. "Was der SPD einst geschadet hat, soll Schulz korrigieren", sagte Dreßen.

Die Biographie von Martin Schulz – mit der bekannten Alkoholsucht – signalisiere den Menschen: Da ist einer, der weiß wie es ist, ganz unten zu sein. Dreßen (Jahrgang 1943) war sich mit Dietrich Elchlepp (Jahrgang 1938) einig, dass es vor allem gelte, die nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten Werte zu erhalten.

"Wir haben uns als Ältere nicht vorstellen können, dass so etwas wieder möglich ist", sagte der ehemalige Bundes- und Europaparlamentarier in Bezug auf die jüngste Rede von AfD-Politiker Björn Höcke und die steigende Zahl der fremdenfeindlichen Anschläge im Land. Elchlepp: "Wir brauchen Erinnerung. Wer sich nicht erinnern will, bekennt sich zum Bösen." Europa sei das Gegenmittel zu Nationalismus und Rassismus. Martin Schulz kenne er seit beider Einzug 1995/96 ins EU-Parlament. "Er ist ein redlicher Mensch und zeigt eine klare Haltung, auch gegenüber Erdogan." Elchlepp fordert mehr argumentative Auseinandersetzung mit der AfD: "Wir müssen besser aufklären über die tieferen Absichten der Partei, die durchzogen ist von nationalistischen Scharfmachern." Den Arbeitnehmern müsse die SPD sagen, dass internationale Verträge und offene Grenzen gut sind und davon Arbeitsplätze abhängen, besonders in Baden-Württemberg.

Gegen die Grundsatzreden der beiden ehemaligen Berufspolitiker hat sich der SPD-Abgeordnete des Wahlkreises im Bundestag, Johannes Fechner (Jahrgang 1972), auf wenige Worte beschränkt. Er sei wie im Rausch seit der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz. Fechner zeigte sich im Wahlfieber, indem er die Besucherzahlen der Aschermittwochveranstaltungen von SPD und CSU vorrechnete und die der SPD "im tiefen bayrischen Vilshofen" als Gewinner festmachte. Fechner zitierte das mit vielen "Ähms" gestammelte Bekenntnis Seehofers zur Kanzlerkandidatur Angela Merkels und sagte: "Das ist eine Zwangsehe."

Hartwig Bußhardt, Bürgermeister von Malterdingen, stärkte noch einmal den europäischen Gedanken. Es sei falsch, alles Schlechte der EU anzulasten und sich über die Politiker in Brüssel lustig zu machen.

"Wenn ich verspottet werde, öffne ich mich nicht mehr."

Lahrs OB Wolfgang G. Müller über Satiresendungen
"Da muss man sich nicht wundern, wenn die Bürger eine so schlechte Meinung von der europäischen Politik haben", sagte er: "Wir müssen aufhören, auf die EU zu schimpfen, sondern auch sagen, welche Vorteile Europa hat."

Ins gleiche Horn blies Wolfgang G. Müller. Der Lahrer OB und Vizeweltbürgermeister hob die hohen Integrationsanstrengungen bezüglich der Russlanddeutschen seiner Stadt hervor: "Da spielen wir in Deutschland in einer hohen Liga." Er sei gegen das allgemeine Schlechtreden, denn wir lebten doch nicht in schlechten Zeiten. Ebenso verurteilte Müller das Lächerlichmachen und Verhöhnen von Politikern und wetterte gegen die Satiresendung Heute-Show im ZDF. "Jeder Politiker öffnet sich, wenn er auf der Straße mit den Bürgern spricht. Wenn ich aber verspottet werde, öffne ich mich nicht mehr. Das ist eine traurige Sache." In einer solchen Stimmung würde Martin Schulz allen gut tun. Wolfgang G. Müller verglich die derzeitige Euphorie in der SPD mit der Begeisterung für Willy Brandt. Zum Schluss erinnerte der politische Barde aus dem Schuttertal, Wolfgang Miessmer, daran, dass Fessenheim immer noch läuft und zitierte Mundartdichter Stefan Pflaum: "Was soll des Gschiss wegen einem Riss? Fessenheim ist nicht Fukushima, in Fessenheim ist alles prima."