Roadtrip mit Anhang

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Mi, 11. Juli 2018

Literatur & Vorträge

Die 1974 geborene Autorin Lucy Fricke hat mit "Töchter" einen Roman über zähe, aber untrainierte Frauen geschrieben.

Wenn ein Roman "Töchter" heißt, geht es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch um die dazu gehörigen Väter. Und bereits hier wird es kompliziert. Für Betty gibt es den leiblichen, den Ex-Stiefvater und Ernesto. Mit Ernesto fing alles an. Er war der erste, in den sich die Sechsjährige verliebte, erst in dessen Gegenwart ahnte sie, dass Familie etwas mit Geborgenheit und Nähe zu tun haben kann. Einzige Schwachstelle: er verschwand so unangekündigt wie gründlich. So etwas kann einen schon bis in die Vierziger begleiten. Mütter kommen natürlich auch vor, doch das wäre eine andere Geschichte als die, die Lucy Fricke in ihrem vierten Roman erzählt.

Die 1974 geborene Autorin hat nicht eine der üblichen Familienstorys geschrieben, sondern einen Roadtrip. Zusammen mit der besten Freundin Martha macht sich die Ich-Erzählerin Betty in die Schweiz auf. Während Martha wohl oder übel ihren Vater los wird – Kurt hat Lungenkrebs und die beiden Frauen dazu verpflichtet, ihn in seinem alten Golf zu einer Sterbehilfeorganisation zu chauffieren – ist Betty auf der Suche nach Ernestos Grab, irgendwo in Italien. Beide mögen über Jahre von ihren Vätern vergessen worden sein, doch die Beifahrer ihrer eigenen Geschichte sind sie deswegen noch lange nicht. Man muss als Leser diese beiden Frauen einfach mögen, die sich nicht in das Schicksal, wohl aber immer neu in ihr eigenes Leben stürzen.

Das hat eine coole Toughness, von der sich die leiblichen und die Wahlväter einiges abschauen könnten. Die Probleme und Konflikte werden in der Sommerhitze scharfkantig ausgeleuchtet, aber auch mit viel Nonchalance und schwarzem Humor angenommen. Am Ende werden sie auf einer griechischen Insel und bei den letzten Dingen stranden. Kurt jedoch zuvor bei seiner ersten Liebe Francesca am Lago Maggiore. Der Süden Europas ist Krisen schließlich gewöhnt.

Zwei in einem Auto: das geht nicht ohne literarische Vorbilder. Doch Betty und Martha wissen, was sie alles nicht sind. Weder Thelma und Louise – nicht mehr ganz jung und sexy und doch zu autonom – noch Tschick – zu wenig Welpen. Doch wohin es in ihrem eigenen Leben noch gehen soll, ist offen. Scheut die eine jede neue Liebe, so durchlebt die andere das emotionale Auf und Ab der Reproduktionstechnologie. Ein Kind soll all das retten, was bislang an Familie in Marthas Leben schief gelaufen ist. Dass sie das und noch ein paar Abschiede dazu durchstehen, verdankt sich ihrem Witz. Dieser oft aberwitzig komische Unterton ist es auch, der Frickes Roman so wenig zur Nabelschau werden lässt. "Töchter" ist klug erzählt und beherrscht die dialektische Lebenskunst, Privates zu verallgemeinern. "Wir hatten unsere Mütter nicht verdient. Wir verdienten ja überhaupt sehr wenig, am wenigsten unsere Vergangenheit. Die hatte uns ungefragt ins Minus gestürzt."

Betty und Martha gehören jener Generation an, die sich arrangiert, die gegen die Gentrifizierung ihres Berliner Kiezes protestiert und dann doch die Wohnung bei Airbnb vermietet und die gesteigerte Nachfrage gerne mitnimmt. Wer mit 40 noch empfindsam ist, muss Widersprüche aushalten – nicht zuletzt die eigenen. Nachdem Kurts erste Liebe doch nicht dessen letzte Tage mit ihm teilen will, taucht Martha mit ihrem todkranken Vater auf der Insel auf. "Wie schlimm es wäre, wenn das nie aufhörte, dachte ich. Wenn es immer jemandem ]sic] gäbe, den wir noch einmal sehen wollten, wenn wir kurz vor dem Tod stünden und immer noch hofften". Vermutlich gar nicht schlimm, es wäre einfach das Leben. Trotz des Titels ist "Töchter" nicht nur eine wunderbare, zudem unterhaltsame Sommergeschichte, sondern auch ziemlich erwachsen.

Lucy Fricke: Töchter. Roman. Rowohlt Verlag Reinbek 2018. 240 Seiten, 20 Euro.