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04. Juni 2012

Festivals

Rock am Ring und Rock im Park: An der Schwelle zur Abgeklärtheit

In Würde altern, musikalisch relevant bleiben: Metallica und die Toten Hosen bei den Zwillingsfestivals Rock am Ring und im Park.

  1. Freudige Entspanntheit: die Metallica-Haudegen James Hetfield und Robert Trujillo Foto: stefan Rother

Gut 160 000 Musikfans versammelten sich am Wochenende bei Rock am Ring und Rock im Park. Damit sind die Zwillingsfestivals so groß wie altgedient – eine Eigenschaft, die sie mit vielen ihrer Top-Acts teilen. Dass Bands wie die Rolling Stones oder AC/DC schon seit Urzeiten im Geschäft sind, hat zu unzähligen Diskussionen über die Möglichkeit geführt, als Rockstars einigermaßen würdevoll zu altern und musikalisch relevant zu bleiben. Doch mittlerweile gilt das auch für Bands, die einige Musikgenerationen später gestartet sind. Dass etwa die Toten Hosen mit ihren Auftritten bei den beiden Festivals bereits ihr 30. Bandjubiläum feiern, dürften die Mitglieder wohl selber schwer fassbar finden.

Da stellt sich die Frage, wie man ein Publikum bedient, das aus altgedienten Fans besteht – und blutjungen Besuchern, die die Band zum ersten Mal erleben. Zumal, wenn man bereits zum sechsten Mal am Ring und im Park auf der Bühne steht? Eine Herausforderung, vor der auch der andere große Headliner, Metallica, stand – immerhin auch schon zum fünften Mal vor Ort und seit 31 Jahren im Geschäft.

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Im Falle Metallicas lautete die derzeit sehr beliebte Antwort: Man betreibt eine Werkschau. Metallica entschieden sich dafür, ihre kommerziell erfolgreichste Platte, das 1991 erschienene sogenannte "schwarze Album", in Gänze zu spielen. Mit der Platte verabschiedete sich die Band ein gutes Stück von ihren "Thrash Metal"-Wurzeln und etablierte einen MTV-kompatiblen Sound, der für stolze 28 Millionen verkaufte Exemplare sorgte.

Eine Show mit Lasern, Laufsteg und Feuerwerk

Daraus wurden fünf erfolgreiche Singles vom Anfang des Albums ausgekoppelt. Die Band verzichtete daher bei ihren Auftritten auf zu penible Werktreue und spielte die Platte in umgekehrter Reihenfolge – mit dem für die Konzertdramaturgie hilfreichen Aspekt, dass der Überhit "Enter Sandman" ganz am Ende folgte. Darum herum gruppierte die Band reichlich andere Klassiker wie "One" oder "Master of Puppets" und garnierte die Show mit Lasern, einem Feuerwerk und einem u-förmigen Laufsteg. Am meisten begeisterte aber die freudige Entspanntheit, mit der Metallica zur Sache gingen – nicht selbstverständlich für eine Band, die sich in früheren Jahren schon mal im Streit gegenseitig fast an die Gurgel ging.

Dieses Stadium der Abgeklärtheit hat den Tote-Hosen-Sänger Campino noch nicht ganz erreicht, er arbeitet aber sichtlich daran. Als er in Nürnberg die Bühne betrat, vor der sich fast das gesamte Festivalpublikum versammelt hatte, wirkten einige Posen noch etwas einstudiert, als habe der Musiker, der mit bürgerlichem Namen Andreas Frege heißt und diesen Monat 50 Jahre alt wird, hart daran gearbeitet, weiterhin in die ganz engen Jeans zu passen und wild den Mikrofonständer schwingen zu können.

Doch im Laufe des Konzertes taute der Sänger, der bei den Festivals schon einige spektakuläre Auftritte – 2008 mit Gipsbein – geliefert hatte, auf: ließ sich mit einer ungeöffneten Bierdose über das Publikum tragen, erklomm einen rund 30 Meter hohen Mast und entzündete ein bengalisches Feuer. Und erlaubte sich sogar eine Bemerkung über "diese andere deutsche Band". Als die Hosen zum Aufwärmen für die aktuelle Tour eine Reihe von Wohnzimmerkonzerten bei ihren Fans veranstalteten, wurden sie oft gebeten, unbedingt "Westerland" zu spielen – das stammt aber von den Ärzten. Im Anschluss stimmten die Hosen gar den Ärzte-Song "Schrei nach Liebe" an. Eine mutige Entscheidung, wird dieser Titel doch oft als Beleg für den Unterschied der beiden Bands bemüht: Als sich Anfang der 1990er Jahre viele deutsche Bands in Songs mit Neonazis auseinandersetzten, galt dieser Ärzte-Beitrag als extrem gut, der Hosen-Song "Sascha… ein aufrechter Deutscher" dagegen allenfalls als gut gemeint.

Doch textlich haben Die Toten Hosen seit dieser Zeit klar aufholen können und neben Sauf-, Spaß- und Wutliedern auch einige nachdenklichere Kompositionen im Programm. Momentan haben sie gegenüber den Ärzten sogar die Nase vorn: Beide Bands veröffentlichten im Frühjahr neue Alben. Doch während die erste Ärzte-Single "ZeiDverschwÄndung" eine eher obskure Albernheit ist, wird der aktuelle Hosen-Hit "Tage wie diese" schon als "neues deutsches Volkslied" gerühmt. Das lieferte nicht nur den Soundtrack zum dramatischen Sieg des von den Hosen treu verehrten und unterstützten Fußballverein Fortuna Düsseldorf, sondern dürfte auch bei der bevorstehenden Europameisterschaft und andere Festivitäten in hoher Rotation ertönen.

Auch wenn der Song eher in Richtung Schlager tendiert, hat er eine hymnische Qualität, wie sie den Hosen immer wieder gelingt. Anstatt sich auf eine Periode zu konzentrieren, sprang die Band wild durch das eigene Programm und ließ gleich zu Beginn auf einen Song vom aktuellen Album "Ballast der Republik" den Titel "Liebesspieler" vom 1984er Album "Unter falscher Flagge" folgen. Auch ihren Punk-Wurzeln huldigte die Band, indem sie nicht nur "Blitzkrieg Bop" von den Ramones anstimmte, sondern auch Bad Religion-Sänger Greg Graffin auf die Bühne baten und den Klassiker "Punkrock Song" anstimmten.

So erwiesen sich die Hosen mit ihrem Jubiläums-Auftritt gleichermaßen traditionsverbunden wie überraschend frisch. Das ist aber auch nötig, denn die Konkurrenz hierzulande schläft nicht: Im Anschluss zeigten die Electro-Rocker und Hip Hopper von Deichkind, dass sie die derzeit heißeste Show in Deutschland abliefern. Und in drei Wochen bieten die Ärzte Gelegenheit zum Punktevergleich - dann spielen sie als Headliner bei den konkurrierenden Zwillingsfestivals Southside und Hurricane.

Mehr Fotos der Festivals unter http://mehr.bz/rar-12

Autor: Stefan Rother