Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. Januar 2012

Bodenständiges im Bizarren

Kaspar Ewald und sein Kabinett im Gare du Nord.

Es kann sein, dass diese Konzertkritik völlig aus dem Ruder läuft, denn wenn sie thematisch korrekt vorgeht, muss sie über "die Leitfigur des Rosenkreuzerordens" berichten, über die Kaspar Ewald eine Suite komponierte, die sein "Exorbitantes Kabinett" am Samstag im Gare du Nord spielte. Geht die Kritik thematisch nicht korrekt vor, hat sie von einer Musik zu berichten, die sich auch als "präsurrealistischer Schabernack" versteht, und damit die Frage stellt, ob es eine solche Musik überhaupt gibt. Es gibt sie, und was über sie zu notieren ist, ist ihre immer erneut ausbrechende Lautheit, die in dem recht kleinen Saal des Gare durchaus aggressiv wurde. Fünf Saxophone, je zwei Trompeten und Posaunen, ein Horn, eine Klarinette, dazu Schlagzeug, E-Gitarre und Klavier/Keyboard, sie können einen satten Sound erzeugen, der mitunter durch Mark und Beine geht. "Verfeinert" wurde der im Spiel der hervorragenden Solisten Bernhard Bamert und Andreas Tschopp (Posaunen), Daniel Woodtli (Trompete), Roland von Flüe (Saxophon), Philipp Henzi (Klavier) und Gregor Hilbe (Schlagzeug). Zum Programm bleibt noch zu notieren, dass die "Suite" ergänzt wurde durch "Reptils Rückkehr", also durch Wiederaufnahme von Kompositionen einiger Bandmitglieder, die für ein munteres Potpourri unterschiedlichster Klangwelten sorgten und die "Chymische Hochzeit" kräftig aufmischten.

Werbung


Doch zurück zur "Suite". Die Leitfigur des Rosenkreuzerordens war Johann Valentin Andreae (1586-1654), ein evangelischer Theologe, dem es darum ging, die Reformation zur Generalerneuerung der Welt zu erweitern. Dazu veröffentlichte er drei Manifeste, dessen drittes, die "Chymische Hochzeit", Ewald vertont hat. Zusammengefasst handelt das von Folgendem: Der legendäre Frater und Eremit Christian Rosencreutz (1378-1484) gründete eine Bruderschaft, die sein mystisches Wissen aufbewahren sollte. Ihn machte Andreae zur Hauptfigur seiner "Chymischen Hochzeit." Auf einer siebentägigen Wanderung erlebt der Eremit wie auf einem Berg Gäste geschieden werden in sündige und tugendhafte. Letztere dürfen zur Hochzeit, doch die Königsfamilie wird enthauptet, ihre Körper zerteilt, zu einer Insel gebracht und in einem Turm mit sieben Stockwerken deponiert. Die Gäste verwandeln die Reste nun in alchemistischem Brimborium in ein Destillat, aus dem ein Ei wird und dann ein Vogel schlüpft, der gemästet und geköpft wird. Aus dem Kadaver formen die Gäste zwei Statuen, die ein neues Königspaar werden. Dergestalt verwandelt kehrt die Gesellschaft ins Schloss zurück, wo Rosencreutz Schlosswächter wird .. .

Es ist eine bizarre Story. Unklar blieb bis heute, ob Andreae sie als Satire gemeint hat oder als allegorische Umschreibung einer ernst gemeinten Initiation. Ewalds Musik jedenfalls klingt über weite Strecken durchaus bodenständig, hält aber auch Momente des Schabernacks bereit, der sich mit Blasinstrumenten ja bestens imitieren lässt. Juchzender Schlussbeifall und, völlig überraschend, zwei Strophen aus "Der Mond ist aufgegangen" im harmonisch kühnen A-cappella-Gesang als Zugabe.

Autor: Nikolaus Cybinski