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21. März 2013

Das Magma fließt im roten Licht

Die Band Selig trat im Freiburger Jazzhaus auf.

  1. Selig-Sänger Jan Plewka Foto: Ochs

Dienstagabend, 20.15 Uhr: Die Bühne des Jazzhauses hat exakt dieselben Maße wie eh und je. Was das zur Sache tut? "Zurück auf großen Bühnen" ist die Tour der Hamburger Poprock-Band Selig betitelt. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn bei der letzten Tour haben sie auch schon im Jazzhaus gespielt. Doch für die Band mit ihrer zerrissenen Geschichte ist es immer noch so etwas wie ein Zurückkommen, ein Comeback, eine Heimkehr.

Mitte der 90er Jahre räumen die fünf Mittzwanziger beim damals stilbildenden Musikprogramm von MTV und Viva groß ab mit ihrem Grunge-getränkten Deutschrock, ihrem schrillen Post-Hippie-Look und ihrer wilden Voodoo-Bemalung. "Selig sind in den 90ern die deutsche Band schlechthin", konstatiert die Musikpresse. Bekifft vom großen Erfolg, zerstreiten sich die Musiker nach drei Alben heillos, und nach nur fünf Jahren ist die Band 1998 bereits Geschichte.

Zehn Jahre später raufen sich die einstigen Streithähne wieder zusammen, spielen ein Album ein und gehen wieder auf Tour. Es ist kein riesiger Charterfolg, eher ein stiller Triumphzug über die kleinen bis mittleren Bühnen der Republik. Man mag es kaum glauben: In kumpelhafter Harmonie steht Jan Plewka, der Sänger mit der Reibeisenstimme, zwischen seinen vier Mit-Streitern von damals im Jazzhaus, animiert immer wieder zum Mitklatschen – und alle wirken sie geerdet und entspannt. Selig, vor 20 Jahren gegründet, haben in Phase zwei ihrer Bandhistorie nun auch schon drei Alben und fast fünf Jahre auf dem Buckel – genau wie in Phase eins.

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Vom jüngsten Album "Magma" stammt der Großteil der Songs. Aber das Repertoire kratzt auch das Frühwerk an, berührt so gut wie alle sechs Studioalben der Combo und bringt es am Ende des Abends auf knapp zwei Dutzend Lieder und zwei Stunden Spielfreude. Herausragend ist der an Hendrix und Led Zeppelin geschulte Gitarrensound des souveränen, dynamischen und zugleich tiefenentspannten Christian Neander, der seine Soli mit kreisender Mähne unters jubelnde Volk bringt.

Frenetisch gefeiert werden natürlich die alten Hits, allen voran die Wahnsinns-Hymne "Ohne Dich" vom Debütalbum, die selig aus über 500 Kehlen in perfekter Textkenntnis durch den Gewölbekeller wabert. Nur zwischendurch nimmt das Quintett mal für zwei Nummern den Fuß vom Gas, bringt das balladeske "Der Tag wird kommen" und den elegischen Song "Zeit". Und ruhig rotiert die Discokugel und tupft sachte Lichtreflexe an die Decke.

In den Texten, allein schon in den Songtiteln, finden sich viele selbstironische Bezüge zur Band, seien es "Love & Peace" oder "Die alte Zeit zurück". Auch wenn nach der Hälfte des Konzerts versehentlich der Mikrofonständer zerlegt, die Setlist zertrampelt ist: Fünf gereifte "Selige" gießen ihr Magma im roten Dämmerlicht aus, als hätte es nie aufgehört zu fließen. Und mit der siebten Zugabe "Regenbogenleicht" hat das rockige Pathos erstmal Pause. Bis zur nächsten großen Bühne.

Autor: Alexander Ochs