Gemischter Salat

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Di, 04. November 2014

Rock & Pop

Der sizilianische Liedermacher Pippo Pollina brachte poetische Balladen und Protestsongs in den Rheinfelder Bürgersaal.

Zuerst will Pippo Pollina wissen, wer im Saal italienisch spricht und die Texte versteht. Da heben sich einige Hände. Aber auch die Zuhörer, die kein Italienisch können, sind von den poetischen Balladen und lyrischen Protestsongs des sizilianischen Liedermachers berührt und begeistert. Denn Pollina, seit 20 Jahren Wahl-Schweizer, ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler, und in seinem neuen Album "L’ Appartenenza" erinnert er sich an seine sizilianische Heimat, seine Vergangenheit in der Anti-Mafia-Bewegung und seine Anfänge als Straßenmusiker.

Zum Abschluss des Festivals "Akkorde" kam der charismatische Cantautore mit seinem Palermo Acoustic Quintett in den Rheinfelder Bürgersaal. Seit neun Monaten sind Pollina, der ständig zwischen Gitarre und Piano wechselt, und seine Band auf Europatournee. Seine exzellenten Musiker nennt er humorvoll einen "gemischten Salat", weil sie aus verschiedenen Sprachregionen kommen: Gitarrist Max Kämmerling und Keyboarder und Akkordeonist Tino Horat aus der Schweiz, Schlagzeuger Fabrizio Giambanco, Bassist Filippo Pedol und Saxophonist und Klarinettist Roberto Petroli aus Italien. Jeder dieser Musiker ist für sich ein Ereignis, und wenn sie im Kollektiv loslegen, harmonisiert das prächtig mit Pollinas Gesang. Besonders Petroli ragt mit weichen, dann wieder virtuos quirligen Saxophon- oder Klarinettenklängen heraus, aber auch der junge Kämmerling macht seine Sache an der Akustikgitarre und als Co-Sänger richtig stark und cool.

Pollina live, das ist ein Erlebnis. Seine warme, einschmeichelnde, kraftvolle, ein bisschen dunkle Stimme, für viele die "schönste Stimme Siziliens". In "Mare, Mare, Mare" singt er vom mediterranen Gefühl, vom Mittelmeer, an dem er aufgewachsen ist: eine wunderschöne Liebeserklärung an das Meer. Erheiterung weckt Pollinas Erinnerung an ein Gastkonzert in Wilhelmshaven Mitte der 90er Jahre, wo er entdeckte, dass das Meer morgens um neun noch nicht da ist...

In anderen Liedern macht sich der Songpoet Gedanken über das Mysterium der Zeit, über wichtige Momente im Leben. Eindringlich klingt das in dem politischen Lied "Laddove crescevano", "Dort, wo die Granatäpfel wachsen", in dem sich Pollina an die Zeit als Student in Palermo erinnert, als er sich in Demos gegen die Cosa Nostra engagierte. Metaphorisch singt er vom Feuerball, von blutverschmierten Messern, von Tränen: "Lauf, Junge, beeil dich, bevor sie die Fantasie ermorden". Seine Stimme wird appellativer, rauer, begleitet von hartem Drive des Schlagzeugs, von scharfen Saxophonklängen. Schneller, treibender, druckvoller Rhythmus und pulsierender Sound dann in dem Lied "Anniventi", einer Hommage an die Idole der wilden 70er Jahre, untermalt von Bildprojektionen. Auch die Musik Lateinamerikas, die ihn in seiner Jugend geprägt hat, greift Pollina in einem Lied über die Sehnsucht und Hoffnung auf Freiheit wieder auf, stilecht auf dem Charango, der kleinen lateinamerikanischen Gitarre.

Persönliche Erinnerungen verbinden sich auch mit dem Lied "Camminando", das Pollina schon vor 30 Jahren gesungen hat und das noch immer so taufrisch und packend klingt, dass es die Fans elektrisiert. Über die Zeit, die so rasend schnell vergeht, philosophiert der 51-Jährige in dem ‚Lied "Passa il tempo" und in einem anderen Lied, das er zweisprachig singt, entwirft er die Vision einer Welt ohne Waffen und Grenzen. Wie die Zeit vergeht, zeigt sich auch in einem Auftritt von Pollinas Sohn Julian, der selber Stücke komponiert und in die Fußstapfen seines Vaters tritt. Pippo Pollina und sein Quintett, mit Stehenden Ovationen gefeiert, verabschieden sich mit einer fulminanten Zugaben-Reihe, darunter dem Partisanenlied "Bella Ciao".