Singender Tausendsassa

Hat Dorian Wood das Zeug zum nächsten Star des Kunst-Pop?

Peter Disch

Von Peter Disch

Di, 28. Oktober 2014 um 00:05 Uhr

Rock & Pop

Noch kennen ihn nicht viele außerhalb der elitären Welt der Hochkultur. Der Ruf eines singenden Tausendsassas eilt dem Popsänger Dorian Wood aber bereits voraus.

Noch kennen ihn nicht viele außerhalb der elitären Welt der Hochkultur. Der Ruf eines singenden Tausendsassas eilt Dorian Wood aber bereits voraus. Experimentelle Opern, Inszenierungen an der Nahtstelle von Musik und Avantgarde, unter anderem mit der Performance-Kunst-Größe Marina Abramovic: Der 39 Jahre alte Los Angelino mit den costa-ricanischen Wurzeln könnte das Zeug zum nächsten Star des Kunst-Pop haben.

Wo, wenn nicht in der Passage 46 sollte so jemand auftreten? So wie Freiburgs neuste Errungenschaft des Nachtlebens sich noch nicht so ganz entscheiden kann, was sie sein will – hippe Cocktailbar, Club mit DJ-Kultur oder Tränke mit Discomucke; all das gab es am Samstag vor, während und nach dem Konzert parallel – so ist auch der Popsänger Dorian Wood noch Work in Progress. Drei Langspielplatten und vier EPs hat er seit 2007 veröffentlicht. Trotzdem gibt es nur zwei Handvoll Songs, mehrfach interpretiert und verschieden arrangiert. Auf dem Album "Rattle, Rattle" von 2013 zum Beispiel mit einem 45-stimmigen Chor und 15 Musikern, deren Bandbreite vom Alternative-Rock-Gitarristen bis zu einem Trompeter reicht, der sonst seinen Teil zum Pomp-Pop des klassisch ausgebildeten US-Tenors Josh Groban beiträgt.

Die aktuelle EP "Down, The Dirty Roof", die im Zentrum des Auftritts in Freiburg stand, repräsentiert eine Art Querschnitt des Sounds, der Musik Woods, seiner stilistischen Einflüsse und Vorbilder von Antony Hegarty über Tom Waits bis Weill/Brecht und Cabaret-Songs; viel, viel Elegisches, Tiefempfundenes – und ab und zu ein Gefühlsausbruch, der nach Lärm und Lautstärke verlangt, wie das erste Stück des Abends, "A Gospel of Elephants". Wood, ein überaus höflicher, sanfter Koloss mit geschorenem Kopf und Halsbart tritt mit gefalteten Händen ans Mikrofon. Er hat die Augen geschlossen, wie fast immer, wenn er singt. Während sich die Musik aus einem fast sakralen Intro Stück um Stück steigert, ein bedrohlich unheilvolles Geheimnis heraufzubeschwören scheint, fangen Woods Arme an zu arbeiten, Flügelschlagen auf Bauchhöhe, der linke Arm schraubt sich schließlich gemeinsam mit Kontrabass, Schlagzeug, Akkordeon und E-Gitarre in die Höhe – und dann, plötzlich: ein Moment der Stille, bevor der Orkan ein letztes Mal losbricht.

Danach herrscht die Ruhe nach dem Sturm. Wood sitzt nun am Piano, nimmt das Tempo zurück und taucht ein in einen Kosmos aus Schuld und Sühne, Gottesfurcht und Fegefeuer, verschmähtem Verlangen und glühender Liebe, verletzten Gefühlen und tief empfundenem Hass. Wood lebt die Lieder mit jeder Faser seines massigen Körpers, aber bisweilen auch voller Sentiment und getragenem Pathos. Er trägt den Schmerz der Welt auf seinen breiten Schultern. Das geht eine ganze Weile so, vielleicht ein bisschen zu lang – bis zum Song "Pearline". Die Gitarre dröhnt verzerrt, peng peng peng macht das Schlagzeug, während Wood, wie den ganzen Abend über auf der Suche nach Nähe mitten im Publikum, singt. Gleich drauf gibt er in "Down, The Dirty Roof" den völlig losgelösten Wanderprediger. Großer Jubel, eine Zugabe. Wood ist ein Versprechen auf die Zukunft – und ein ganz besonderer Typ von Popsänger, wie man ihn lange nicht in Freiburg gehört und gesehen hat.