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20. Januar 2012

Liebeslieder und Kraftakrobatik

Schauspieler mit Nebenerwerbsensemble: Ulrich Tukur und Die Rhythmus Boys traten im Freiburger Konzerthaus auf .

  1. Mehr als ein passabler Pianist: Ulrich Tukur Foto: Wolfgang Grabherr

Haben Sie schon mal einen zwei Meter und acht großen Kontrabassisten Bauchtanz machen sehen? Oder drei dänische Würstchen auf einem fremden Planeten notlanden? Wenn Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys auf der Bühne stehen, dann kann sowas passieren. Und zwischendurch gibt es noch "Musik für schwache Stunden".

Seit 16 Jahren hat der prominente Schauspieler sein Nebenerwerbsensemble. Wenn Tukur zwischen Dreharbeiten für einen eigenartigen "Tatort" hier und einen historischen Film über Generalfeldmarschall Rommel dort etwas Zeit hat, dann widmet er sich mit dem Quartett seiner Lieblingsmusik, nämlich deutschem Liedgut der 20er bis 40er Jahre, Liedern aus Revuefilmen oder Kabarettprogrammen. Denn damals, so findet er, war die Kultur eine bessere als heute. Die Umstände seien zwar furchtbar gewesen, aber, so Tukur im BZ-Interview (Ticket vom 11. Januar), die Menschen seien dieses Leben in einer ganz zauberhaften Art und Weise angegangen. Und die will er wiederbeleben.

Seine Prominenz hat ihren Eintrittspreis

Dass die Menschen damals nicht viel Geld hatten, spiegelt sich in seinem Unternehmen aber nicht wieder. Seine Prominenz hat ihren Preis: Der Eintritt im Freiburger Konzerthaus war offensichtlich zu teuer. Nur die vordere Hälfte des Parketts war besetzt, nachdem Tukur die Zuschauer von hinten nach vorne gebeten hatte.

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Was sie geboten bekamen, war beileibe nicht nur Musik. Die Rhythmus Boys sind auch eine Theatertruppe. Der sehr lange Bassist Günter Märtens ist genauso wie der sehr kurze Schlagzeuger Kalle Mews Musiker und Schauspieler, der pomadisierte Gitarrist Ulrich Mayer Musiker und Theaterautor. So hat man hier keine Band vor sich, die sich selbst verwirklicht, sondern ein Quartett, das eine Tanzkapelle darstellt. Und eine dänische Kraftakrobatentruppe. Und einen britischen Music-Hall-Conférencier sowie einen deutschen Professor, der über das "Wäsen der Schwäche" referiert. Die Rhythmus Boys rennen in albernen roten Kostümen samt Plastikeimerhelmen mit Metallkleiderbügelantennen über die Bühne und zelebrieren eine herrliche Zeitlupengymnastiknummer auf dem Planeten Euphoria 4. Der Größte und der Kleinste zeigen eine Ventriloquisten-Nummer mit Märtens als angestrengtem Bauchredner und Mews als seiner störrischen Puppe. Das ist so präzise witzig, wie guter Slapstick es sein muss. Tukur selbst hält sich zurück, gibt den Conférencier, erzählt Geschichten, die mit Rattengift im Bierglas enden, und beweist, dass er Badisch genauso gut kann wie Schweizerdeutsch.

Musik wird auch noch gespielt im Varieté, und dann erweist sich Tukur als Sänger mit Schmelz in der Stimme und Ironie in der Intonation. Das Repertoire ist weitgehend das vom aktuellen Album, welches auch "Musik für schwache Stunden" heißt: Deutsches wie "Liebling, was wird aus uns beiden" mit der Schlusszeile: "Wenn's nach mir geht, ein verliebtes Paar!", Italienisches von Domenico Modugno wie "Stasera pago io", in dem ein liebeskranker Sänger auf eine resolute Hausverwalterin trifft, oder Englisches wie "Fun on the Titanic", der von Tukur selbst komponierte Song zum Schiffsuntergangs-Jubiläumsjahr. Natürlich darf "Bongo Bongo" nicht fehlen, der Tierstimmen-Hit des Quartetts.

Ulrich Tukur ist auch ein mehr als passabler Pianist, er bringt viele hübsche Verzierungen an den Stücken an, die Rhythmus Boys swingen mit viel Understatement, kulturell wertvollen Gitarrensoli und manchem perkussivem Witz. So wird auch die Musik zur charmanten Unterhaltung. Und es wird das Abgründige überspielt, das in Liedern dräut wie "Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt" oder "Was bleibt zurück?", Tukurs deutscher Fassung von Charles Trenets "Que reste-t-il de nos amours?". Das Leben ist nicht nur lustig, ist es heute nicht – und war es früher nicht, das neigt der Sänger Tukur zu verdrängen.

Autor: Thomas Steiner