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20. August 2012

Konzert

Madonna in Zürich: Die routinierte Provokation

Es herrscht Endzeit auf der Bühne von Madonna: Bei ihrem Konzert in Zürich übertönte sie die Widersprüche ihrer alten Rollenspiele mit knallhartem Techno – und einer Rede für Pussy Riot.

  1. Mit dem Dressierstab in der Hand: Madonna vor ihrer Truppe Foto: dapd

Der Auftritt im Zürcher Letzigrund-Stadion am Samstag war das erste Konzert, das sie gab, nachdem Pussy Riot in Moskau zu zwei Jahren im Straflager verurteilt worden waren. Und natürlich war Madonna stinksauer. Dreimal kam sie in der zweistündigen Show auf den Prozess zurück, und nicht nur widmete sie den drei russischen Aktionskünstlerinnen ihr "Turn up the Radio", sondern auch den "Rest meines Lebens dem Kampf gegen Diskriminierung". Sie werde dafür eine Organisation gründen, sagte sie, die "Freedom Fighters for Unity", und rief die etwas mehr als 40 000 Zuschauer im Stadion zum Beitritt auf: "Keine Neutralität mehr! Kein Schweizer Käse mehr! Nichts mehr mit Löchern drin!" Und mit dem Pathos, der Popstars in solchen Momenten befällt, sprich: der keinen Widerspruch duldet, schloss sie. "Macht ihr mit? Macht ihr mit?! Macht ihr mit!!"

Die Vehemenz, mit der sich Madonna für Pussy Riot ins Zeug legt, leuchtet ein: In den russischen Frauen wird sich die Madonna Louise Ciccone wiedererkannt haben, die in den 80er Jahren die Patriarchen in Politik, Kirche und Showbusiness provozierte. Angeekelt sei sie, sagte sie in Zürich, vom Prozess und vom Urteil gegen ihre jungen Kolleginnen. Und vielleicht ist es ja möglich, dass sich in diesen Ekel eine Spur von Selbstekel mischte – angesichts ihrer eigenen Karriere, in der die Provokation nur noch etwas ist, das routiniert in die Show eingepasst ist. Und die elektrische Gitarre ein Requisit, an dem sich die 54-Jährige eine Verschnaufpause vom Tanzen gönnt.

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Es war jedenfalls ein Unbehagen spürbar an diesem Samstagabend im Letzigrund. Und der Furor, mit dem Madonna über Pussy Riot sprach, war ein Symptom dafür: Weil er die assortierten Erotika und Politika bei weitem überstrahlte, mit denen der Star die Show schmierte. Man sah Waschbrettbäuche unter Mönchskutten und Seiltänzer in der Kluft der Guantánamo-Häftlinge und dachte: Aber hallo. Man sah Madonna auf einem Altar, und man sah ihren nackten Hintern und notierte: Nun je.

Nach rund einem Drittel des Abends sorgte "Express Yourself" für einen höchst ironischen, man könnte auch sagen: zynischen Höhepunkt des Konzerts. Der Hit von 1989 ist eine Hymne an die Selbstermächtigung junger Frauen, denen Madonna zuruft: " Second best is never enough / You’ll do much better, baby, on your own." Heute singt Madonna ihn als Teil einer Cheerleader-Choreografie, und die Botschaft wird im militärischen Takt der Tambouren verlesen. In Uniform, mit Trillerpfeife und Dressierstab.

Die Trommler klinken sich in den Techno ein

Die Selbstbehauptung, scheint Madonna zu sagen, ist nur noch eine besonders raffinierte Strategie der Gleichschaltung. Sie ist das verlogene Mantra jener Castingindustrie, die auch ihre Lieder – wie "Express Yourself" – in immer neuen Kopien aufführt; gesungen von Viertelstundenstars, die sich nichts sehnlicher wünschen, als "sie selbst" zu sein und für immer zu bleiben. Der Song war berauschend gut an diesem Abend: Die Trommler klickten sich in den Techno von der Festplatte ein, der bald in "Give Me All Your Luvin’" überging, einen Song vom jüngsten Album "MDNA".

Immer tiefer schraubten sich die Beats ineinander, am Ende tobte ein überwältigender Grime, der schmutzige HipHop-Stil britischer Herkunft. In seiner giftelnden Energie stand er in nichts der Musik nach, wie man sie von M.I.A. kennt – der britischen Rapperin, die am Song mitgewirkt hat. Und wieder war die Ironie nicht zu überhören. Madonna versichert sich in "Give Me All Your Luvin’" der Liebe der Fans und der jüngeren Kolleginnen und lässt ihren Namen skandieren. Die Parade, für die man die Cheerleader aufgeboten hat, es ist ihre. Es kann kein Zufall sein, dass Madonna genau nach diesem Moment der schrillen Selbstironie auf Pussy Riot zu sprechen kam. Und nicht mehr vom Thema abließ.

Madonna scheint sich der Widersprüche und Routinen bewusst zu sein, von denen sie im dreißigsten Jahr ihrer Karriere eingeholt worden ist. Es ist offensichtlich, dass ihre alten, einst so aufregenden Rollenspiele zwischen erotischer Freizügigkeit und kirchlichem Kult heute nur noch wie ein müdes Da Capo wirken. Das liegt nicht am Alter der Künstlerin, sondern an dem ihres Konzepts. Madonna wickelt es in der neuen Show präzise ab, aber ohne Präsenz und ohne spürbare Passion. So, als wäre ihre neueste und vielleicht letzte Rolle diese Madonna, die es immer wieder durchzudeklinieren gilt. Aber das gilt nur für die Show. Es gilt nicht für die Rede, die sie für Pussy Riot hielt. Und es gilt vor allem nicht für die Musik.

Für die Konsequenz, mit der sie vielleicht nicht die allerneueste, aber doch die zweitneueste Clubmusik auf die große Bühne bringt, darf man Madonna auch heute noch bewundern. Schon mit dem ersten Song, mit "Girl Gone Wild", setzte er ein, dieser auf dunkel pulsende Bässe und beißende Beats reduzierte Techno. Und er wich nicht für "Gang Bang", in dem Madonna in stoischer Humorlosigkeit einen Tänzer nach dem anderen abknallte. Schüsse und Nachladegeräusche peitschten übers irritierte Publikum.

"Papa Don’t Preach" kam mit brutaler Wucht, und auch "Hung up" war nicht mehr die elegante Disconummer von 2005. Zwischen den Beats klafften die Löcher, und darüber zogen blasse Synthesizer auf. Das Sample von Abbas "Gimme! Gimme! Gimme!", das den Song auf Platte definiert, kam erst spät dazu. Wie ein höhnischer Witz an die Adresse der Tänzer, die auf Hochseilen ins Höllenfeuer marschierten.

Ja, es herrscht Endzeit auf der Bühne von Madonna, und dazu spielen Techno, Dubstep und Grime. Aber ein langsamer Walzer am Klavier nur begleitete sie in "Like a Virgin". Ein Tänzer schnürte ihr das Korsett enger, bis sie keine Luft mehr kriegte. War es der jungfräuliche Versuch, eine ganz neue Rolle zu finden, der da erstickte? Eine Rolle als Diseuse? Es ist Madonna wohl bewusst, dass sie dafür eine zu schwache Sängerin ist. Aber es scheint ihr auch zu dämmern, dass das Meisterwerk, in das sie so lange verliebt war, langsam vergeht, wie sie in "Masterpiece" singt. Das Meisterwerk, das sie selber war, und das am Samstag nur noch 40 000 Besucher sehen wollten, und nicht mehr 74 000 wie vor vier Jahren auf dem ehemaligen Flugplatz in Dübendorf bei Zürich. "Das ist kein Witz, ich bin wütend", schrie Madonna. Sie meinte Pussy Riot. Aber vielleicht auch ein bisschen sich selber.

Erklär's mir: Provokante Sängerinnen

Wenn dir etwas in der Familie oder in der Schule nicht passt, dann sagst du das. Vielleicht manchmal auch mit wütenden Worten. Es gibt auch Sängerinnen (und Sänger), die das tun, weil ihnen in dem Land, in dem sie leben, etwas nicht passt. In Russland haben einige Sängerinnen vor ein paar Monaten ein Lied in einer Kirche gegen den Präsidenten und die Priester gesungen, die sie nicht mögen. Sie haben dabei böse Worte benutzt, man sagt auch provokante Worte dazu. Deshalb wurden sie ins Gefängnis gesteckt. Madonna, eine berühmte amerikanische Sängerin, hat dagegen jetzt bei einem Konzert protestiert. Sie verwendet auch gerne provokante Worte, wenn ihr etwas nicht passt. Sie findet nämlich, dass Sängerinnen und überhaupt alle Künstler so etwas tun dürfen, wenn sie zum Beispiel gegen Ungerechtigkeiten sind. Eine andere Sängerin, die das auch oft macht, ist Lady Gaga.  

Autor: tst

KLAGE GEGEN MADONNA

Weil Madonna bei einem Konzert in St. Petersburg für die Rechte Homosexueller warb, haben russische Aktivisten die Sängerin verklagt. Sie fordern 330 000 Rubel (etwa 8400 Euro) Schadenersatz. Madonna hatte die Zuschauer aufgefordert, ihre Achtung und Liebe für Homosexuelle zu zeigen. In St. Petersburg ist öffentliches Eintreten für Homosexualität und Pädophilie gesetzlich verboten.  

Autor: afp

Autor: Christoph Fellmann


1 Kommentar

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Frank Schwarz

Registriert seit: 18.12.2011

Kommentare: 3

20. August 2012 - 21:57 Uhr

Ich war am Samstag in Zürich. Das war ´ne Katastrophe. Der Ton war lausig, das Stadion max. 75% voll, die Stimmung in der ersten Stunde gegen null gehend. Alte Musik aufgepeppelt im Techno Stil: schrecklich. Und das mit den Pussy Riot war wie das viele Blut, Kreuze, Sex und was da noch so alles an Peinlichkeiten ablief nur der Versuch (und man sieht es oben im Bericht, dass es klappt) im Gespräch zu bleiben. Mit guter Musik hat das wenig zu tun. Fazit: schade um das viele Geld

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