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01. Februar 2012

Quietschen und Ploppen der Flaschenhälse

Es geht noch schräger: das kanadische Orchestre d’hommes-orchestres im Lörracher Burghof.

  1. Kreatives Chaos: das Orchestre d’hommes-orchestres Foto: Thomas Loisl Mink

Tom Waits gilt Vielen als einer der genialsten Blues- und Rockmusiker. Einer der Schrägsten ist er allemal, aber gerade das gehört zu seinem besonderen Reiz. Dass es tatsächlich noch schräger geht, bewies das kanadische Orchestre d’hommes-orchestres vor knapp 200 Gästen am Sonntagabend im Lörracher Burghof mit einer abendfüllenden Hommage an den Meister. Schon der Name ist schräg und will ausdrücken, es handle sich um ein Orchester bestehend aus Ein-Mann-Orchestern, denn jeder der vier Herren, die auf der Bühne von zwei Frauen unterstützt werden, macht auf einer Vielzahl von Gegenständen Musik, wovon die wenigsten Musikinstrumente sind. Da wird im ersten Stück ein Koffer als Schlaginstrument benutzt, aus dem Federn herausfliegen, der Bass besteht aus einem metallenen Waschzuber mit Besenstil und Saite. Einer spielt tatsächlich Gitarre, und die gurgelnde Reibeisenstimme des Sängers klingt täuschend echt nach Tom Waits. Als multidisziplinären Workshop bezeichnet die Gruppe selbst ihr Projekt, alles wirkt vollkommen chaotisch und improvisiert, was es natürlich in Wahrheit nicht ist. Doch die Akteure inszenieren ihren Klamauk mit ungestümer Frische und comedymäßigem Ulk, dabei aber zugleich mit verblüffender Musikalität.

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Die Bühne sieht aus wie das Interieur einer Brockenstube mit Gegenständen längst vergangener Tage, Gabrielle Bouthiller und Danya Ortman sitzen in braunen, altmodischen Kostümen vor einem Fernseher, trinken Tee oder Likör und blasen Luftballone auf, setzen aber alles zugleich als Klanginstrumente ein, die Tassen, das Quietschen und Ploppen der Flaschenhälse oder den Luftballon, der Melodica spielt. Singen können sie auch die Damen, und das sogar ausgesprochen gut, was sie nicht nur als Hintergrundsängerinnen unter Beweis stellten. Bruno Bouchard, Jasmin Cloutier, Simon Drouin und Simon Elmaleh, die vier Herren der Gruppe, bedienten sich mit allem, was da auf der Bühne so herumlag, um damit Musik zu machen. Durch Trichter und Megaphon wurde gesungen, Pfannen, Boxhandschuhe und Spaghetti kamen als Schlagwerk zum Einsatz, bei "Black Market Baby" trugen alle Motorradhelme, die ebenfalls als Rhythmusinstrumente dienten. Während einer sang oder spielte, fummelten die anderen an ihm herum, alles war ein verrücktes, wohlorganisiertes Chaos. Dazu wurde munter getrunken, teilweise gar aus einem Plastikkanister, ganz im Sinne von Tom Waits, der längst Abstinenzler ist, aber nach wie vor das Image des melancholischen Säufers kultiviert. Natürlich kamen auch richtige Musikinstrumente zum Einsatz: Gitarren, Banjo, Akkordeon, das auf dem Rücken getragene Schlagzeug der Ein-Mann-Band, bei "I don’t wanna grow up" aus Waits’ schrägstem Album "Bone Machine" war es passenderweise ein Kinderklavier. Manchmal fühlte man sich auch an Fasnacht erinnert, spätestens beim letzten Stück, als die Sechs die Bühne mit Konfetti, Luftschlangen und allerlei Flitterzeug verwüsteten. Trotzdem war noch eine Zugabe drin, verbunden mit der Drohung: "Ihr habt es so gewollt!" Doch das Publikum war fasziniert von dem überbordenden Klamauk, dem durchgeknallten Chaos und den dennoch mit urwüchsiger Kraft und beeindruckender Musikalität vorgetragenen Songs von Tom Waits, die sehr authentisch, wenn auch in ihrer Verrücktheit überzeichnet herüberkamen. Ein genialer Abend, prall von Humor und Musikalität. Und für Tom-Waits-Kenner ebenso ein Genuss wie für Zuhörer, die seine Songs nicht kannten.

Autor: Thomas Loisl Mink