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08. Dezember 2011

Süße Träumereien aus Berlin und anderen Orten

Meret Becker und ihre Band Tiny Teeth mit dem neuen Programm "Berlinoise" im Burghof in Lörrach.

  1. Meret Becker, Chloe Miller (links) und Buddy Sacher Foto: Barbara Ruda

Die Bühne wirkt wie eine Mischung aus Puppenhaus, Kasperletheater und Zirkusmanege – ein Zauberkasten, vollgestopft mit Requisiten für das magische Klangtheater, das Meret Becker und ihre Band Tiny Teeth in knapp zwei Stunden in den Burghof in Lörrach zaubern. Das Quintett entfesselt da einen Rausch der Sinne, inszeniert eine spielerische, naive Verrücktheit, die an der Ordnung der Dinge nagt – bis dahin, dass plötzlich zwei Puppenbeine über gefüllte Eierkartons stapfen. So reißen Becker und ihre "kleinen Zähne" ungewohnte Perspektiven auf, flechten Gefühle und Gedanken, Traum und Realität, Sehnsüchte und Ängste poetisch-surreal und auch witzig zu schrägen Miniaturen – ein fliegender Assoziationsteppich, der das Publikum mitnimmt auf einen fantasievoll-fantastischen Musiktrip.

"Berlinoise" heißt das Programm. Der Titel stamme von einem "Franzottel", erzählt die Sängerin und Schauspielerin mit echt Berliner Schnauze. Übersetzt heißt das soviel wie "Berlinsche" oder "Berlinisch" und illustriert die frankophilen Züge von Meret Becker; andererseits und mit einer britischen Brille betrachtet ergibt der Titel auch ein Wortspiel: Berlin Noise, also Berliner Lärm oder Geräusche, sozusagen die musikalisch Variante der Berliner Luft. Auch das ist charakteristisch für die Klangforscherin Meret Becker, die Sägen und Flaschen, Rätschen und Metallplatten, Trichter und Tröten, Kindermelodika und mehr in ihre Stücke einbaut. Mit Berlin als Stadt aber hat das Programm allenfalls mittelbar zu tun und das allein über Meret Becker, die so nach der Stadt "stinkt", dass es zu einem Programm reichen könnte, findet sie.

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Das aber entpuppt sich in erster Linie als Streifzug durch eigene und fremde Lieder – angefangen von Beth Gibbons’, der Sängerin der englischen Trip-Hop Band Portishead, "The Show" über Charles Azanvours "Emmenez-moi", Tom Waits (unter anderem "Jockey full of Bourbon") und Édith Piaf (La vie en rose) bis zu Paul MaCartneys "Blackbird", das als zweite Zugabe in einer schön gedimten Version, ganz tiny und spärlich instrumentiert zelebriert wird. Und natürlich gibt’s eigene Songs wie das "Gläserne Gesicht" oder "Zirkus" von dem schon 2001 erschienenen Album "Fragiles". Immer wieder schlüpft Meret Becker dabei in die unterschiedlichste Rollen – von der Feme fatale mit Netzstrümpfen über den torkelnden Star zur alternden Diva im langen weißen Pelzmantel mit Zigarette und weißem Kaninchen bis zu den artistischen Einlagen im Rüschenröckchen im hochgehängten Reifen über der Bühne am Ende.

Musikalisch ist das ein Genuss – wofür nicht zuletzt die vier "Tiny Teeth" sorgen, die australische Cellisten Chloe Miller, der Schweizer Pianist und Glasharfenspieler Ben Jeger sowie die altgedienten Becker-Begleiter Buddy Sacher (Gitarren, Banjo) und Peter Willmanns (Blasinstrumente, Percussion). Dazu kommt Beckers Gesang: Mal piepst sie mit gläsernerem, zerbrechlich Stimmchen, mal haucht sie, dann faucht sie und tost wie ein Orkan. Mal setzt sie auf eine krächzende Kopfstimme, mal auf eine kräftige Röhre, mal ist sie verzagt, mal energisch. Meret Becker oszilliert einmal mehr zwischen lyrischem Bluegrass und schrägem Südstaatenblues, zwischen kraftvollen Chansons und eruptiv-packender Folklore, zwischen schmelzender Walzerseligkeit und Kunstliedern à la Kurt Weill, zwischen Jazz und Klangexperimenten wie sie seit den 1970er Jahren die Avantgarde-Rockband King Crimson oder später Einstürzende Neubauten gemacht haben.

Mit minimalen Mitteln werden maximale Effekte erzielt und alleweil warten Überraschungen. Da wirkt jeder Ton, der in den Saal tropft. Wie bunte Glassplitter in einem Kaleidoskop verbinden sich diese Klang- und Bildimpressionen aus einem Alltag gebrochener Identitäten zu immer neuen faszinierenden Mosaiken – ein Gesamtkunstwerk, mal elfenhaft, mal schelmisch ironisch zelebriert. "Träumt süß" verabschiedet sich die Traumfrau des deutschen Chansons wie seit Jahren von ihrem Publikum. Dann leert sie mit der dritten Zugabe, einem Trinkerlied, das sie mit ihrem Bruder Ben auf Harald Juhnke verfasst hat, noch ein 0,3 Liter Fläschchen Bier in einem Zug. "Familienangelegenheit", kommentiert sie das berlinerisch trocken .

Mehr Fotos zu dem Konzert finden sich unter: http://www.mehr.bz/meret2011

Autor: Michael Baas