Konzertkritik

The Notwist: Gitarrenrock trifft Frickelelektronik im Jazzhaus

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Mi, 05. November 2014 um 00:05 Uhr

Rock & Pop

Am Sonntag haben The Notwist im vollen Freiburger Jazzhaus gespielt. Wurde der Auftritt der Indie-Band zum potenziellen Höhepunkt des Konzertjahres in der Region?

Fangen wir von hinten an. "Pilot", das letzte Stück der ersten Zugabe beim Konzert von The Notwist im vollen Freiburger Jazzhaus bringt auf den Punkt, worum es bei der Band und ihrer Musik geht. Der Song zerfällt in zwei Teile. Zum einen in den eingängigen, von Gitarren geprägten Refrain, zum anderen in eine lange Instrumentalpassage basierend auf Elektronik und Gerassel, schiebend und ratternd.

Wenn man so will, sind das die beiden essentiellen Soundelemente von The Notwist, die hier nebeneinander existieren. Im Original stammt "Pilot" von der Platte "Neon Golden" aus dem Jahr 2002. "Neon Golden" gilt gemeinhin als das ultimative Album, mit dem sich die Gitarrenband endgültig in ein Soundtüftlerkollektiv gewandelt hat. Dort klingt "Pilot" verhuscht und verwischt, fast ohne Konturen. Gleichzeitig markiert jenes Album die Mitte der bisherigen Karriere dieser Band. Womöglich stellt die gegenwärtige Version von "Pilot" diesen Wendepunkt nun musikalisch dar.

Zwölf Jahre später im Jazzhaus werden die beiden Pole vorgeführt, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt: Gitarrenrock trifft Frickelelektronik. In der Tat gibt es The Notwist mittlerweile seit 25 Jahren, das oberbayerische Weilheim, immer noch Heimat der Gruppe, bekam eine Stecknadel in der Poplandkarte. "Close To The Glass" heißt das aktuelle, auch international gefeierte Album der deutschen Indie-Institution, der Titel kann durchaus als Motto verstanden werden. Klar, scharf konturiert und nahe an der Zerbrechlichkeit sind die alten Stücke aufbereitet und auseinander gebürstet. Ein neues wie der Gassenhauer "Kong" verbindet elektronische Effekte, ein griffiges Gitarren- beziehungsweise Keyboardriff mit einem hymnischen Refrain, als wäre alles ganz einfach und klar: So geht es.

Nur nicht anhalten

Doch nichts ist einfach, schon gar nicht bei The Notwist. Im Schnitt ein halbes Jahrzehnt braucht die Truppe für ein Album, dabei werden sie von den geduldigen Fans nicht vergessen. Auch bei "Close To The Glass" wurde gefrickelt, gepuzzelt und gefriemelt und wieder gelöscht, bis sie da war, die Einfachheit und Durchsichtigkeit.

Selbst auf der Bühne erscheinen The Notwist mehr als Modell, denn als Band. Zwar steht Sänger und Gitarrist Markus Archer in der Mitte, doch erscheint er nur als ein weiterer Baustein in einem Gefüge, obwohl sein Gesang heuer die altbekannte Schüchternheit und Zurückhaltung abgelegt hat. Der Bass von Bruder Micha steht ganz außen, Schlagzeug und Vibraphon dazwischen, Elektronik und Gitarren davor: Hier soll niemand im Mittelpunkt stehen. Dazu passt die Lightshow: Blendende Lichtblitze statt Punktstrahler. Blinkeffekte und ruhige Farben unterstreichen auch optisch den Versuch, Rock- und Technoklischees zu unterlaufen: Stattdessen kann man den Tönen zugucken, wie sie wandern, durch die Echokammern stolpern, Strukturen bilden sich, die Mauern aus Klang schließlich fast greifbar. Aber eben nur fast.

Sicher machen The Notwist Musik über Musik, Tausende von Zitaten schwirren im Raum. Analysieren ließe sich jedes Stück: Seien es die Klangassoziationen – klingt doch wie Pet Shop Boys mit Sonic Youth als Backing-Band – oder seien es diese ausgefuchsten musikalischen Kniffe: Wie geht das mit einer gesampelten Rhythmussequenz? Doch dafür ist keine Zeit. Nur nicht anhalten. Immer in Bewegung klingt ihre Musik seltsam schwere- und mühelos. Und voller Sentiment. Wie The Notwist das hinkriegen bleibt ihr Geheimnis.

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