Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. Juli 2012

Wasserdichte Verpackungen

STIMMEN I: Jetsam.5, Lizz Wright und Raul Midón im Wenkenpark in Riehen.

  1. Raul Midón (links) und Lizz Wright Foto: Barbara Ruda

  2. Foto: Barbara Ruda

Es ist eine feuchte, tropfende, eine wässrige Angelegenheit, dieser erste Konzertabend des Stimmenfestivals im Riehener Wenkenpark 2012 – in jeder Hinsicht. Von oben gießt es fast ununterbrochen in Strömen; von unten lässt der Dauerregen den sandigen Boden des Reitplatzes allmählich aufquellen zur einsaugenden Schlammmasse – worauf sich einige wenige gleich ganz der Schuhe entledigen; überhaupt wirkt das Publikum im wasserdichten Einheitslook der weißen Pannenponchos wie ein Stelldichein aus Hemdglunki, Basler Morgestraich und Ku-Klux-Klan, sieht von der Bühne aus aber allemal "süß" aus, wie Céline Huber anmerkt, die junge Lörracherin, deren Erfolge in den Ausscheidungssingen um den deutschen Star für Baku, den Eurovision Song Contest, ihr und Jetsam.5 nun offenbar auch einen Auftritt auf einer "Stimmen"-Bühne verschafft haben.

Doch auch dort im einigermaßen Trockenen kommt das nasse Element vergleichsweise hoch dosiert zum Vorschein: Da erzählen Walti Huber und Jetsam.5 in einer ihrer Balladen ganz naturalistisch von Streifzügen durch die Auvergne und einer Kaskade, also einem Wasserfall, und Lizz Wright neidet in "I Envy The Wind" später gar dem Regen die zwangsläufige Nähe im Gesicht, auf der Haut, im Nacken ... Da geht’s zwar vor allem um Liebe; aber das ist bekanntlich auch ein tränenreicher, also nah am Wasser liegender Stoff und einer, der die Pfarrerstochter aus dem US-Bundesstaat Georgia und den rund 15 Jahre älteren, blinden New Yorker Latino Raul Midón besonders bewegt. Das Gros der Stücke zumindest kreist inhaltlich um das Thema Liebe und Zwischenmenschliches.

Werbung


Die 32-jährige Lizz Wright, die bereits 2008 bei "Stimmen" gastierte, gehört zur ersten Generation afroamerikanischer Musiker, die in und mit ihrer Musik nicht mehr primär gegen rassistische Vorurteile ankämpfen (müssen). Auf dem aktuellen Album "Fellowship" zeigt sie sich denn auch erstaunlich selbst- und vor allem kirchenkritisch, erreicht ein beachtliches Reflexionsniveau. Diese klare Sicht scheint das um eine Rhythmusgruppe – Richard Hammond (Bass), Brannen Temple (Schlagzeug) – erweiterte Duo im verregneten Park aber mitunter etwas zu verlieren und wenn sind’s eher die Stücke des Songwriters Midón, deren poetischer Gehalt überzeugt, wie "All In Your Mind", in dem er die Weltwahrnehmung (als Blinder) schildert oder "Was It Ever Really Love", in dem sich ein Paar die Frage stellt, ob die Gefühle füreinander je dem realen Gegenüber gegolten haben oder nur einer Projektion, einem Bild.

Musikalisch aber ist das allemal wasserdicht verpackt. Das Repertoire erweist sich als ein nahezu paritätisch komponierter Streifzug durch beide Œuvres, mischt Songs der vier Wright-CDs mit denen von Midóns "State of Mind" oder "Synthesis" und offeriert hörbar Stücke mit Wiedererkennungswert. Auf der einen Seite steht dabei Lizz Wright; sie ist vor allem da, ist unprätentiös und schlicht "Lizz", wie sie sich vorstellt, lässt hin und wieder die warme, geschmeidige Altstimme aufschimmern etwa im soulig beginnenden, dann rhythmisch aufdrehenden "Imagination" oder dem verrätselten "Stop", ist ansonsten aber meist der Ruhepol dieses Quartetts.

Für die eindringlicheren Akzente sorgt auch musikalisch der expressivere Midón, der mit seiner Mundtrompete, etwa in "Bonnie’s Song", auch mal Bonuspunkte sammeln kann. Mit seinem heiseren, im Stile eines Stevie Wonder hochgeschraubten Tenor schaffte er eine fiebrige Spannung und bringt mit der gehämmerten – die Technik heißt tatsächlich Hammering –, peitschend gespielten Gitarre und mit Hilfe der zwei Begleiter Tempo und Druck in die Songs bis hin zum pulsierend-quirligen "You Make Me Feel Alright", das unweigerlich in die Beine geht und hilft, die Regentropfen abzuschütteln. Midóns "Everybody", eine Art Appell, dass jeder und jede das Zeug zur Persönlichkeit hat, setzt dann den versöhnenden Schlusspunkt, der die letzten Widrigkeiten, die letzten Regenreste und Tränenspuren verwischt.

Autor: Michael Baas