Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
03. Dezember 2011
Wie im Wohnzimmer
Wolfgang Müller und Yasmine Tourist traten beim "TV Noir"-Konzert im Jazzhaus Freiburg auf.
Keine Show, keine Spiele, keine Interviews. Es geht nur um die Musik. Die Ansage von Sänger Wolfgang Müller könnte deutlicher nicht sein. Mit übereinander geschlagenen Beinen sitzt er auf einem Hocker auf der Bühne des Freiburger Jazzhauses, die Gitarre auf dem Schoß. Umgeben ist der Hamburger Liedermacher von einer gemütlichen Wohnzimmer-Deko mit altmodischer Lampe und abgewetztem Sofa. Darauf sitzen drei Musiker der Stuttgarter Band Yasmine Tourist, die mit Solokünstler Müller derzeit in der Konzertreihe "TV Noir" auf Tour sind.
Die Auftritte sind ein Ableger der gleichnamigen Berliner Musik-Talkshow, die Erfinder und Moderator Tex vor drei Jahren ins Leben gerufen und mit der er unter Zuhörern mit einer Vorliebe für Liedermacher oder feine Indie-Bands eine Welle der Begeisterung ausgelöst hat (BZ vom 13. Oktober). Markenzeichen der "TV Noir"-Reihe: ein Wohnzimmer-Setting, als Gäste bedächtig ausgewählte, oft unbekannte Musiker, Spiele, Interviews, Interaktion mit dem Publikum und natürlich Musik – meist akustisch.
Letztere allein wird mit der Konzertreihe in die ganze Republik gebracht. Aber auch wenn Wolfgang Müller gleich am Anfang klarmacht, dass der Abend keine Talkshow wird, musste das Freiburger Publikum nicht enttäuscht sein. Die Kommunikation läuft bei dem Hamburger über seine Texte.
Werbung
Müller ist ein begnadeter Gitarrist und Songschreiber und spricht mit seinen klugen, reduzierten Songs so ziemlich jeden an. Drei davon spielt er anfangs: "Mein Beziehungsset – in umgekehrter Reihenfolge". Von Abschied, Zweifel und sinnlosem Warten handeln die Texte. "Du sagst, dass du mich magst / Was immer das heißt / Klingt ein bisschen wie der Trostpreis" heißt es etwa in "Godot". Müller singt klar und konzentriert, sein Fingerpicking ist elegant, und sowieso wirkt der Auftritt dieses Musikers so mühelos, als würde er in seinem eigenen Wohnzimmer vor Freunden spielen.
Nach drei Songs wird Müller von Yasmine Tourist abgelöst, und so geht es den ganzen Abend weiter: Vier mal drei Songs spielen der Solokünstler und die Band abwechselnd. Die Atmosphäre im Jazzhaus – alle Stühle sind besetzt – ist andächtig und ruhig, das wissen auch die Jungs von Yasmine Tourist zu schätzen. "Ihr seid ein sehr dankbares und aufmerksames Publikum, das ist wirklich toll", sagt Sänger Dominik Gerwald. Seine Band, die in halber Besetzung bei den "TV-Noir"-Konzerten dabei ist, kommt zwar ursprünglich aus Backnang, klingt aber wie eine US-amerikanische Folkrockband. Das liegt nicht zuletzt an der seufzenden Pedal-Steel-Gitarre, die von Max Steinert gespielt wird wie von Musikern aus den Südstaaten. Im schwermütigen "All Night Long" schleift sich das Instrument durch die Strophen wie ein Durstiger durch die Wüste.
Verwirrend und beeindruckend zugleich wirkt die klare und zarte Stimme von Gerwald, die man von einem kräftigen Mann wie ihm nicht erwartet. Beim Fingerpicking ist er so konzentriert, dass er seinen Kiefer im Rhythmus bewegt. Blues, Rock, Folk oder Indie? "Give all up" ist vielfältig wie die Band selbst und laut Gerwald das optimistischste Stück, das er je geschrieben hat. "You may not / give up, give up/ you will not ever give up/ cause the moment that you do / I will give up too."
Ansonsten gilt auch für das Auftreten von Yasmine Tourist: Kurze Anekdoten über ein kurioses Zusammentreffen mit der Band Die Prinzen sowie penibles Gitarrenstimmen und zahlreiche Entschuldigungen dafür sind zwar keine Talkshow, aber sympathischer könnte ein Konzertabend kaum sein.
– Aktuelle CD von Wolfgang Müller: Ahoi – 11 Akustik Versionen (mit TV-Noir-Live-Aufnahmen, Rintin Musik/Indigo)
Autor: Gina Kutkat
