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17. August 2012

Wie war der Auftritt von Gossip in Colmar?

Die Musik von Gossip ist zickig und eckig. Aber sie hat Pop-Appeal, genauso wie die Sängerin, Beth Ditto, Star-Appeal.

  1. Gossip-Sängerin Beth Ditto in Colmar Foto: Vanessa Meyer-Wirckel

Der eleganten Schuhe mit Absatz und des weniger eleganten überbreiten Gürtels entledigte sich die Sängerin gleich während des ersten Songs. Während des dritten löste sie die Hochsteckfrisur. Und am Ende des Auftritts, im letzten Stück vor den Zugaben, war auch das rote Kleid ausgezogen, und Beth Ditto bestritt den Rest des Konzerts im schwarzen Unterhemd mit Ärmeln und in passender Radlerhose. Gossip in Colmar, das war ein runtergestrippter Auftritt. Auch musikalisch.

Dass dieses US-Trio zumindest in Europa so großen Erfolg hat, dass auch die große Freiluftarena auf dem Colmarer Messegelände gut voll ist, das ist ja erstaunlich. Beth Ditto hat beileibe keine Idealmaße und inszeniert ihre Figur trotzdem offensiv: Das rote Kleid war sehr eng, das Unterhemd tief dekolletiert. Und die Musik von Gossip ist zickig und eckig. Aber sie hat Pop-Appeal, genauso wie die Sängerin Star-Appeal.

Die Gruppe gab es zweimal

Gossip gab es im Grunde zweimal. Der Wendepunkt war das Jahr 2003. Bis dahin hatten Ditto und der schnurrbärtige Multiinstrumentalist Nathan Howdeshell alias Brace Paine mit der Schlagzeugerin Kathy Mendonca gespielt. Nach deren Ausstieg kam Hannah Billie. Und mit ihr kamen die Disco-Grooves in den Punkrock von Gossip. Aus der lärmenden Szene-Musik wurden Songs mit eingängigen Refrains.

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In ihrem Konzertrepertoire haben Gossip in Colmar nur noch einen einzigen Song aus ihrer Frühzeit: "Yesterday’s News". Näher als hier käme sie einer Liebesballade nicht, hat Ditto mal gesagt. Deshalb passt das Stück auch zu den heutigen Gossip. Ansonsten werden die ersten beiden Alben schlicht ignoriert. Quer geht es durch die drei mit Billie: das noch rohe "Standing in the Way of Control", das von Produzent Rick Rubin so kongenial auf dem Grat zwischen Underground und Mainstream gehaltene "Music for Men" – mit dem Riesen-Überraschungs-Hit "Heavy Cross" – und das neue "A Joyful Noise", das Produzent Brian Higgins arg auf gefälligen Sound getrimmt hat, mit gerne einer Keyboard-Spur zu viel und einer geglätteten Ditto-Stimme.

Im Konzert werden die neuen Songs dieses Sounds zum Glück wieder entkleidet. Obwohl sich das Trio mit zwei Tourmusikern an Bass und Keyboards – Howdeshell spielte meist die Gitarre – verstärkt hatte, blieben die Arrangements spartanisch und kantig. "Perfect World", die Single vom jüngsten Album, kam fast als Hardrock daher. Andere Stücke offenbaren die Herkunft des Gossip-Sounds aus dem Post-Punk von Bands wie den B-52’s oder den Talking Heads. Von letzteren spielten Gossip auch "Psycho Killer" kurz an, in ihrem eigenen Song "Listen Up". Wie sie überhaupt gerne mal zitieren: Black Sabbath und Nirvana klangen genauso an wie Whitney Houstons "I Wanna Dance with Somebody". Und Tina Turners "What’s Love Got to Do with it" gab es gar als ganze Coverversion.

Die Stimmgewalt des Originals hat Beth Ditto zwar nicht, aber sie kommt Tina nahe. An manchen Stellen des Konzerts merkt man, wie viel Soul sie hat. Aber nicht den überirdischen aus der Phantasie-Liebeswelt, sondern einen irdischen aus der Welt realer Lebensverhältnisse. In ihren Songs geht es um schwierige Fernbeziehungen und notwendiges Geldverdienen, um zerbrochene Illusionen und erkämpftes Selbstbewusstsein. Und weil die Welt ist, wie sie ist, muss sie auch mal schreien, wie in "8th Wonder".

Ein guter Song geht über manche Grenze

Gerne hätte man zu den Songs noch von Beth Ditto die eine oder andere Geschichte aus ihrem Leben erzählt bekommen. Doch ihre Kommunikation mit dem Publikum blieb etwas spröde – außer mit ihren schwullesbischen Fans ganz vorne. Vielleicht weiß sie immer noch nicht, was sie von dem breiten Publikum halten soll, das sie mit "Heavy Cross" – es kommt als letzte Zugabe – eher versehentlich erobert hat. Aber ein guter Song überspringt halt so manche Grenze. Und Gossip wissen eindeutig, wie man einen schreibt.

Autor: Thomas Steiner