Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. Juli 2012

"Ich sehe mich als Geschichtenerzähler"

BZ-INTERVIEW: Der Berliner Sänger Lüül von den 17 Hippies stellt beim Freiburger ZMF sein Soloalbum "Tourkoller" vor.

  1. Vom Krautrocker zum Folkmusiker: Lüül Foto: pro

Er verkörpert fast fünfzig Jahre deutsche Musikgeschichte: Der Berliner Lutz Graf-Ulbrich alias Lüül war einer der profiliertesten Gitarristen der Krautrock-Szene, musikalischer und privater Partner der ehemaligen Velvet-Underground-Diseuse Nico, hat Theatermusik komponiert und Mitte der 90er Jahre die Band 17 Hippies mitbegründet. Daneben macht er auch Soloplatten und -tourneen. Am Sonntag tritt er mit seinem aktuellen Album "Tourkoller" beim Freiburger ZMF auf. Zuvor sprach Christian Rath mit Lüül über seinen Namen, seine Geschichte und das Touren.

BZ: Lüül – so darf man Sie doch ansprechen, oder?
Lüül: Klar, meine Freunde nennen mich alle so. Gefällt mir auch besser als Lutz.
BZ: Und warum Lüül?
Lüül: Darüber habe ich ja schon viele Geschichten erzählt, von einem chinesischen Krieger-Orakel und so, aber in Wahrheit hat meine Schwester irgendwann angefangen, mich Lüül zu nennen.
BZ: Da war sie wohl fünf Jahre alt...
Lüül: Nein, sie war etwa 17 und ich drei Jahre jünger.

Werbung

BZ: Danke für die Klärung, nun zur Musik. In den 60er- und 70er-Jahren haben Sie Krautrock gemacht mit den Bands Agitation Free und Ashra Tempel: lange Stücke, E-Gitarren-Soli, Experimente. Heute sind Sie ein eher folkiger Liedermacher mit Akustikgitarre und Banjo, also ganz der andere Pol. War das eine bewusste Abkehr?
Lüül: Nein, ich hab’ schon immer Songs geschrieben. Früher halt nur für die Schublade, weil es zur Musik der Bands nicht gepasst hat. Aber seit 1981 nehme ich Solo-Platten auf und kann jetzt auch meine Lieder spielen.
BZ: Nervt es Sie, wenn Sie auf Ihre legendäre Geschichte angesprochen werden?
Lüül: Ach, ich bin schon stolz drauf, bei so guten Acts dabei gewesen zu sein. Vor ein paar Jahren habe ich ja ein Buch über meine Geschichte als Musiker geschrieben, weil ich die selbst interessant und außergewöhnlich finde. Aber wenn jemand zu einem Konzert von mir kommt, nur um zu fragen "Wie war’s denn so mit Nico?", dann bin ich schon genervt. Darauf will ich nicht reduziert werden. Und deshalb ist es vielleicht ganz gut, wenn ich heute etwas ganz anderes mache.
BZ: Heute steht Ihre Stimme im Mittelpunkt. Eine Stimme, die man vielleicht zerbrechlich nennen könnte.
Lüül: Na ja, als Sänger bin ich wirklich etwas begrenzt. Ich sehe mich auch eher als Geschichtenerzähler. Anfang der 80er-Jahre habe ich mal Unterricht bei einer Opernsängerin gehabt, um eine voluminösere Stimme zu bekommen. Aber das klang dann gekünstelt und passte nicht mehr zu mir. Ich bin ja doch eher eine ehrliche Haut und singe lieber mit meiner eigenen Stimme, die ja auch einen recht hohen Wiedererkennungswert hat.
BZ: Musikalisch erinnern Ihre Soloalben doch ziemlich an die Berliner Band 17 Hippies, bei denen Sie seit der Gründung mit dabei sind. Wer hat da wen beeinflusst?
Lüül: Schwer zu sagen bei Dingen, die sich parallel entwickelt haben. Ich versuche auch, das nicht künstlich zu trennen. Die Musiker meiner Band spielen ja auch bei den 17 Hippies. Kein Wunder, dass die Arrangements mit Akkordeon, Geige und Bass dann auch an den Sound der Band erinnern.
BZ: Sind Sie der einzige der 17 Hippies, der auch eine Solo-Karriere verfolgt?
Lüül: Manche spielen noch in anderen Bands, aber Solo-Alben mache wohl nur ich.
BZ: Ende des Jahres werden Sie 60. Kaum zu glauben...
Lüül: Ich habe mich wohl ganz gut gehalten. Aber ich verschweige mein Alter nicht und werde den Geburtstag auch groß feiern.
BZ: Auf Ihrem jüngsten Album "Tourkoller" heißt es im Titelstück "Bist zu lange rumgefahren, zu wenig Halt gemacht". Sind Sie müde geworden?
Lüül: Ja, das drückt schon etwas mein momentanes Lebensgefühl aus, auch andere Stücke auf der CD. Im Schlussstück stehen die Zeilen "Hab alles gesagt, hab alles gesehen, bin müde".
BZ: Ist "Tourkoller" Ihre letzte CD und das ZMF-Konzert die letzte Chance, Lüül in Freiburg zu sehen?
Lüül: Hm, ich sage ja bei jeder CD, dass es meine letzte sein wird. Aber nach ein paar Jahren sind doch wieder genug Stücke da. Neu erfinden werde ich mich allerdings wohl nicht mehr.

– Konzert: Freiburg, ZMF, Spiegelzelt, So, 8. Juli, 20.30 Uhr. Info: BZ-Kartenservice 0761/496 8888.

CD "TOURKOLLER"

Auf seinem im vergangenen Oktober erschienenen neunten Soloalbum "Tourkoller" (M.I.G.Music/Intergroove) macht Lüül mit seiner dreiköpfigen Band weitgehend akustische Musik, die sich viel beim Folk, aber auch mal bei Western-und Weltmusik bedient. Dazu singt er mit seiner Charakterstimme über die ewige Suche des Menschen, das Künstlerdasein – und natürlich die Liebe.  

Autor: tst

Autor: cra