Auf die feine englische Art

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Di, 28. August 2018

Rock & Pop

Vor 50 Jahren öffnete die englische Band Fairport Convention die Grenzen zwischen Folk, Rock und Songwriting.

Besucher des Konzerts von Robert Plant auf dem Marktplatz in Lörrach mögen sich vor einigen Wochen vielleicht verwundert die Ohren gerieben haben: Im Vorprogramm trat mit Josienne Clarke und Ben Walker ein Duo auf, das so gar nichts mit der Welt des ehemaligen Led Zeppelin-Sängers zu tun haben schien, sondern sanfte folkige Töne pflegte. Doch anders als hierzulande, wo sich nicht nur E- und U-Musik gegenseitig abschotten, sondern auch Folk, Rock und Pop fast immer in getrennten Bezirken wohnen, sind die Grenzen zwischen den Genres in England viel durchlässiger. Was im Übrigen auch für eine viel höhere Qualität des Musikjournalismus und der Radioprogramme sorgt. So ließ sich Plant nicht nur aus dem Blues, sondern auch öfters aus traditionellen englischen Folkmelodien beeinflussen, war und ist freundschaftlich mit der Szene verknüpft. Er hatte sich ausdrücklich Clarke und Walker als Support Act gewünscht.

Schon auf dem vierten Led Zeppelin-Album von 1971 gastierte mit Sandy Denny die damals größte Folklady des UK. Denny, die 1978 nach einem Treppensturz starb, gewann nicht nur solo, sondern auch als Frontsängerin einer Band Legendenstatus, die wesentlich für eine neue Beziehung englischer Musiker zu ihrer Vergangenheit verantwortlich war und ist: Fairport Convention.

Die Osmose zwischen den

Stilen hält jung

Dieses Kollektiv brachte vor 50 Jahren, in der Aufbruchstimmung des Folkrevivals, sein Debütalbum heraus. Zunächst war die Truppe um Gitarrist Richard Thompson und Bassist Ashley Hutchings noch überhaupt nicht festgelegt, spielte Covers von Joni Mitchell, Bob Dylan und bluesige Eigenkompositionen. Ab dem Album "Liege & Lief" dann fokussierte man sich mit Sandy Denny auf rockige Neuarrangements von Traditionals.

Die Folkrock-Begründer existieren nach Myriaden von Umbesetzungen bis heute, ihr Freund Robert Plant stand auch schon mal auf ihrem jährlich abgehaltenen Festival in Oxfordshire mit auf der Bühne. Fairports scheuklappenfreie Arbeit zwischen Folk, Pop und Blues hat ihnen immer ein breitgefächertes Hörerspektrum gesichert. Es ist genau diese Osmose zwischen den Stilen, die die Britfolk-Szene auch 50 Jahre nach der Fairport Convention-Zündung jung hält, bei Musikern und Fans. Die BBC 2-Folk- Award-Träger Josienne Clarke und Ben Walker etwa: Clarke verfügt über eine leuchtende, empfindsame Stimme, die in ihrer beherzten Melancholie an den kraftvollen Vortrag alter englischer Folksongs denken lässt. In den Instrumentationen der Songs finden sich dunkle Blocklöten, ein Streichquartett, wehmütiges Knopfakkordeon und verhalltes Piano, doch Walker steigt von der akustischen regelmäßig auf eine E-Gitarre um, die eher nach Indierock klingt, oder er setzt sparsam eine Drum-Maschine ein.

Olivia Chaney wurde hierzulande vor allem durch ihre Teamworks bekannt, etwa mit Offa Rex, einem Seitenprojekt der amerikanischen Rockband The Decemberists, oder als Gastsängerin auf dem "Folk Songs"-Album des Kronos Quartet. Beim Genuss ihrer zweiten, in den Mooren von Yorkshire geschriebenen Scheibe "Shelter" stellt man schnell fest: Das United Kingdom schenkt uns eine große Stimme, wie sie viele Jahre aus dem Inselreich nicht kam. Chaneys Mezzosopran trägt weit und kraftvoll, sie phrasiert mit der Souveränität einer großen Bardin, übersteigt Grenzen zwischen schlichtem Folksong, großer Popballade – und sogar Klassik: Ganz herausragend ist ihre Adaption von Henry Purcells "O Solitude". In den Arrangements gibt es viel Raum und viel Atem zwischen Klavier, Akustikgitarre, Mellotron und Geige.

Und die Herren der Schöpfung? Da wäre John Smith: Der Songwriter mit der empfindsamen Stimme, Sessionmusiker für Joan Baez und Lisa Hannigan beruft sich auf dem neuen Opus "Hummingbird" auf seine alten Helden des Folkrevivals. In neuer Lesart greift er Klassiker des Pentangle-Gitarristen John Renbourn, der Balladensängerin Anne Briggs und aus dem Songbook des wichtigen Liedersammlers Cecil Sharp auf. Dabei vertraut er ganz auf seine Saitenkünste und die ausdrucksstarke, seelenvolle Stimme, nur einige Begleittupfer auf Geige und Bass sind dabei. Auf seinem Album geht es mit der grandiosen Lamentation "The Unquiet Grave" sogar mal 600 Jahre zurück in der Zeit, und trotzdem klingt das Stück wie eine zeitgenössische Ballade. Der Bartträger John Smith hat das Image des englischen Folksängers mit der Ära der Hipster vermählt – ohne dass er selbst schnelllebigen Modeallüren erliegen würde.

Schließlich ist auch ein alter Recke aus Fairport Conventions Frühzeit mit einem neuen Werk am Start: Der 69-jährige Richard Thompson zeigt sich auf dem in Hollywood analog eingespielten "13 Rivers" nach nahezu vierzig Alben auf dem Karrierekonto mit ungebrochenem Drive. Sein Gitarrenspiel ist monumental rockig, zornig und virtuos, etliche Arrangements sind von einem krachigen, rhythmischen Unterbau getragen. Einige seiner stämmigen Melodien aber, interpretiert mit dieser grandiosen, alters- und zeitlosen Stimme eines verletzten Melancholikers, könnten immer noch einer alten englischen Songkollektion entnommen sein. Das starke Alterswerk des Mannes, der dem britischen Folk einst die Fesseln abnahm – und das wirkt bis heute weiter.

Platten: Olivia Chaney: "Shelter" (Nonesuch/Warner); Josienne Clarke / Ben Walker: "Overnight" / "Seedlings All" (Rough Trade); Fairport Convention: "Fairport Convention" / "Liege & Lief" (Island Records); John Smith: "Hummingbird" (Commoner Records/Thirty Tigers/Alive, ab 5.Oktober); Richard Thompson: "13 Rivers" (Proper Records/H’Art, ab 14.September)
Konzert: Josienne Clarke & Ben Walker, John Smith: 28.11. Zürich, Bogen F.