"Beinahe wie eine Scheidung"

Dagmar Leischow

Von Dagmar Leischow

Sa, 17. Juni 2017

Rock & Pop

Beth Dittos Album "Fake Sugar" ist geprägt vom Ende ihrer Band Gossip und einer musikalischen Weiterentwicklung.

Obwohl Beth Ditto nur 1,58 Meter misst, ist sie eine Frau mit einer voluminösen Figur, die man nicht übersehen kann. Überhören schon gar nicht. Ihr lautes Lachen lässt schon aus der Entfernung darauf schließen, was einen beim Interview in einem Berliner Hotel erwartet: ein richtiger Wirbelwind. Die Sängerin liebt es zu reden. Ohne Punkt und Komma. Nichts ist ihr zu persönlich – sie verschließt sich weder den Schatten ihrer Vergangenheit noch Fragen nach dem Aus ihrer Band Gossip, die mit dem Disco-Wave-Song "Heavy Cross" bekannt wurde.

"Schon bei unserem letzten Album ‚A Joyful Noise‘ hatte ich das Gefühl, dass sich Nathan nicht mehr richtig eingebracht hat", plappert Beth Ditto los. Für sie war das der Anfang vom Ende. Als Gitarrist Nathan Howdeshell alias Brace Pain dann auch noch zurück nach Arkansas zog, sah ihn die Sängerin monatelang nicht. Sie ging ohne ihn und die Schlagzeugerin Hannah Blilie nach Los Angeles, um mit verschiedenen Songschreibern neue Lieder aus der Taufe zu heben: "Wenn ich nach diesen endlos langen Songwritersessions ins Hotel kam, fragte ich mich: Wieso schreibe ich eigentlich nicht mit Nathan?" Die Antwort lag für Beth Ditto auf der Hand: weil die Gruppe Gossip keine gemeinsame Zukunft mehr hatte. Sie rief Howdeshell an und erklärte ihm, sie wolle sich nun auf ihr Soloprojekt konzentrieren: "Er stimmte zu. Damit war die Gossip-Trennung besiegelt."

Fortan arbeitete Beth Ditto mit der Produzentin Jennifer Decilveo an ihrem Solodebüt "Fake Sugar". Schon die erste Single "Fire" zeugt von einer Weiterentwicklung. Gitarre, Schlagzeug und Keyboard halten den Pegel voll am Anschlag. Einiges ist auf Pop getrimmt, anderes auf Dub. Beth Dittos Stimme kommt gewohnt wuchtig um die Ecke. Es gibt Stücke, die sich dem Rock verschreiben. Oder von einer Art Country-Soul flankiert werden. Auch für Blues ist Platz. Die Sängerin wildert also in den unterschiedlichsten Genres – ohne sich jemals zu verzetteln. "Oh la la" hat das Zeug zum Diskokracher. In dieser Nummer erzählt Beth Ditto von ihren zwei Schwestern, von ihren vier Brüdern, von ihrer hart arbeitenden Mutter. Mit ihrer Familie ist sie in einem Trailerpark in Arkansas aufgewachsen: "Auch wenn es bei uns nicht immer gut lief, halten wir bis heute fest zusammen."

Nicht nur dieser Zusammenhalt gibt ihr Kraft, vor allem die Musik hat ihr Selbstwertgefühl gestärkt. In ihren Songs verarbeitet sie alles, was ihr auf der Seele liegt. Nicht umsonst finden sich auf "Fake Sugar" traurige Liebes- oder Verlustlieder. "Sie reflektieren in erster Linie das Ende von Gossip", grübelt Ditto. "Für mich war das beinahe wie eine Scheidung."

Wenigstens läuft es bei ihr privat rund. Sie hat ihre Partnerin Kristin Ogata geheiratet, mit ihr und ihren beiden Katzen lebt sie in Portland. Wenn sie denn mal zu Hause ist. Um ihre eigene Plus-Size-Modekollektion zu vermarkten, reist sie um die Welt. Sie stand für eine Marc-Jacobs-Modekampagne vor der Kamera oder wirkte in Tom Fords Film "Nocturnal Animals" mit: "Ich gucke nicht, ob etwas gut für meine Karriere ist, sondern tue das, woran ich Spaß habe." War sie nicht trotzdem manchmal versucht, die Musik ganz an den Nagel zu hängen? Sie schüttelt energisch den Kopf: "Niemals! Selbst wenn ich auf der Straße mit Freunden Coversongs spielen müsste, würde ich weiter Musik machen."

Schließlich haben Punk und die Riot-Grrrl-Bewegung ihr Leben entscheidend verändert: "In den 90ern lernte ich dank Punk: Das, was viele für hässlich halten, ist eigentlich schön." Diese Erkenntnis half ihr, sich selbst zu lieben: "Ich nahm mich so an, wie ich halt war." Statt ihre Energie auf Diäten zu verschwenden, konzentrierte sie sich auf Musik. Selbstverständlich war das nicht: "Wenn ich all die Hänseleien meiner Mitschüler verinnerlicht hätte, wäre ich wohl nie Musikerin geworden." Die meisten Gemeinheiten lächelte sie weg: "Ich bemühte mich, zu allen nett und freundlich zu sein."

Böse wurde sie bloß, wenn jemand ihre homosexuellen Freunde ärgerte. Ihre eigene Homosexualität entdeckte sie früh. Bereits mit fünf fühlte sie sich mehr zu Mädchen hingezogen: "Das machte mir Angst. Ich dachte, ich käme dafür in die Hölle."

Geschuldet war das der Tatsache, dass sie im sogenannten Bible Belt im Süden der Vereinigten Staaten aufwuchs. Die Menschen um sie herum waren erzkonservativ. Am Wochenende trafen sich die Väter zum Biertrinken, die Mütter hüteten zu Hause die Kinder. Der Alltag versank in Belanglosigkeit. Doch Beth Ditto spürte: So würde es nicht ewig weitergehen. Sie wollte dieser Tristesse schnellstmöglich entfliehen: "Ich wusste, dass irgendwann etwas Besseres für mich kommen würde. An diesen Traum habe ich mich geklammert."

Beth Ditto: Fake Sugar (Sony). Konzert: Straßburg, Laiterie, Di, 10. Oktober, 20 Uhr.