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04. September 2013

Rezension

Bossarenova Trio: Wo Jobim und Chopin sich treffen

Das Bossarenova Trio widmet der Verwandtschaft von europäischer Klassik und brasilianischem Bossa Nova ein tolles Album.

  1. Joo Kraus, Paula Morelenbaum und Ralf Schmid (von links): das Bossarenova Trio Foto: Anna Cisso Pinto

Jobim und Chopin – das könnte fast der gleiche Name in zwei verschiedenen Sprachen sein. Musikalisch gibt es tatsächlich Verwandtschaften zwischen dem brasilianischen Bossa-Vater und dem polnisch-französischen Komponisten. Mit ihrem Bossarenova Trio decken nun auch die Sängerin Paula Morelenbaum, der Pianist Ralf Schmid und Trompter Joo Kraus auf dem Album "Samba Préludio" die gar nicht so geheimen Verbindungen zwischen der europäischen Klassik und dem brasilianischen Liedgut auf.

Ralf Schmid, Jazz-Professor an der Musikhochschule Freiburg und brasilophiler Pianist, Arrangeur und Bandleader, hatte sein Bossarenova-Projekt 2009 mit Morelenbaum, Kraus und der SWR Big Band gestartet. Als er es 2011 auch in den USA auf die Bühne bringen wollte, musste er eine bittere Erkenntnis machen: Die US-Behörden legten ihm so viele Steine in den Weg, dass der große Musikertross nicht über den Atlantik zu stemmen war. "Ich habe mich dann entschieden, es ganz klein zu machen", erinnert sich Schmid. Übrig blieb die Kernbesetzung: Paula Morelenbaum, die einstige Muse von António Carlos Jobim, mit ihrer kristallklaren Stimme im Zentrum, Trompeter Joo Kraus als Sidekick, Schmid selbst an den Tasten als bündelnder Spiritus Rector.

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Wunderschöne Melodien, reiche Harmonik

Sowohl in den Staaten als auch hier zu Lande wurde der Dreier gefeiert. "Schließlich wurde uns bewusst: Das ist keine Verkleinerung mehr, sondern da entsteht etwas ganz Anderes", analysiert Schmid. "Zur Kernidee wurde, dass es eine enge Verwandtschaft gibt zwischen europäischem Lied und brasilianischer Musik: der enge Wort-Text-Bezug, die wunderschönen Melodien, die reiche Harmonik. Jobim hat das ja stets zelebriert. Paula hat mir erzählt, dass er in den Proben am Klavier hin- und herschwenkte zwischen Chopin, Debussy, Sambas und seinen eigenen Stücken, für ihn war das alles eins."

Zusätzliche Inspiration bekamen die drei durch den künstlerischen Leiter des Sinfonieorchesters von São Paulo, Arthur Nestrovski, zugleich passionierter Germanist: Feinfühlig hatte der Mann für sich selbst Heinrich Heines Gedichte zu Robert Schumanns "Dichterliebe" ins Portugiesische übertragen. Er lieferte Bossarenova Adaptionen von Schumanns "Im wunderschönen Monat Mai" und Schuberts "Ständchen".

Prädestiniert für die Ausflüge ins Liedfach sind alle drei Musiker. Morelenbaum sang schon mit zehn im Chor deutsche Romantik "Wenn du mit Paula auf Tour bist", erzählt Schmid lachend, "und sie sieht irgendein Straßenschild mit einem deutschen Namen, dann fällt ihr gleich ein Chorstück von Brahms ein, in dem dieses Wort vorkommt."

Und sowohl er selbst als auch Joo Kraus haben vor ihren Jazz-, Funk- und Latin-Aktivitäten ein klassisches Musikstudium durchlaufen. Beide sind seit langen Jahren Partner, wissen wie der andere tickt, und deshalb entstanden die Arrangements für die Trio-Platte in einem hohen Tempo. Der Clou der Aufnahmen wurde schließlich die Überblendung von Brasilien und Abendland: Jobims "Insensatez" läuft simultan mit Chopins Prélude Nr. 4 op. 28 ab, deckt so Jobims harmonische Quelle auf. Und das Lied "A Felicidade" aus dem Soundtrack zu dem berühmten Film "Orfeo Negro" wird mit Zitaten von Claudio Monteverdi und Christoph Willibald Gluck zu einer Orpheus-Suite voller Flow.

Doch die lyrische Sphäre ist nur die eine Seite von "Samba Préludio", im Repertoire stecken auch jede Menge Beat und Elektronik. Die zeigt sich mal ganz delikat in Villa-Lobos’ "Melodia Sentimental" als Lounge-mäßiges Klacken und Schmatzen, gleitet in "O Morro Não Tem Vez" dann aber in ein Rap-Intermezzo von Kraus, wie der Trompeter es auch früher im Duo Tab Two mit Bassist Helmut Hattler hören ließ.

Die geschmackvollen Spielereien kulminieren schließlich in "Trenzinho Caipira": Wie der kleine Dampfzug sich den Weg übers Land bahnt, haben die drei mit Tuten, Klingeln und Schnauben fantastisch umgesetzt. "Am Flügel habe ich alle erdenklichen Präparationen eingesetzt, die man seit John Cage kennt, Schrauben, Gummis, Handtücher und so weiter. Ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen, den Steinway D im Studio so zu beanspruchen", schmunzelt Schmid. Die delikaten Eingriffe haben sich gelohnt: "Samba Préludio" verschmilzt abendländische Lyrik und tropischen Groove zu einer stimmigen Klangwelt.
– Bossarenova Trio: Samba Préludio (Skip Records/Soulfood)

Autor: Stefan Franzen