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19. Februar 2009

Charles Aznavour: Ein Herzensbrecher wird Diplomat

IM PROFIL: Charles Aznavour hat es als Sänger zu Weltruhm gebracht / Nun ist der Franzose armenischer Herkunft Botschafter

  1. Charles Aznavour Foto: afp

Er findet es selbst komisch. "Ich bin sicherlich der einzige Botschafter auf der Welt, der außer einer Studienbescheinigung keine Diplome vorzuweisen hat", sagt Charles Aznavour. Etwas Eitelkeit mag da mitschwingen. Denn der 84-Jährige, der künftig als "Seine Exzellenz, der Botschafter von Armenien" die Interessen des kleinen Kaukasusstaates in der Schweiz vertreten wird, weiß natürlich ganz genau, dass er Leistungsnachweise erbracht hat, die jeden Hochschulabschluss in den Schatten stellen. Ihnen verdankt der Franzose armenischer Abstammung den neuen Job, das kleine Büro in Genf, die dienstbaren Geister, die ihm dort zur Hand gehen werden.

Da wäre etwa die Wahl zum "Künstler des 20. Jahrhunderts". Das Magazin Time und der Fernsehsender CNN haben den Sänger mit der Schelllackstimme, den durchdringenden Kohleaugen und dem noch immer vollen Silberhaar dazu auserkoren. Frank Sinatra, Elvis Presley und John Lennon hatten das Nachsehen. Der einst von Edith Piaf entdeckte Nachwuchskünstler, der das raue französische Chanson abschliff und zum weltweit gefragten Musikartikel machte, steht seit 50 Jahren ganz oben. Mehr als 1000 Lieder hat er geschrieben, mehr als 100 Millionen Platten verkauft. Bisweilen wird Aznavour "der französische Frank Sinatra" genannt.

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Dabei waren die Voraussetzungen alles andere als günstig. Vom armenischen Vater und der georgischen Mutter auf den Namen Schahnur Waghinak Asnawurjan getauft, vom Schicksal gerade einmal mit 1,61 Meter Körpergröße ausgestattet, schien der in Paris geborene Flüchtlingssohn nicht eben zur Weltkarriere berufen. Aber er biss sich durch, jobbte als Kellner, trat in Bistros und Vorstadttheatern auf, tanzte in Varietés, musizierte in Jazzkellern. Wie Gilbert Bécaud, Yves Montand und Jacques Brel kündet auch Aznavour vom Leben in all seiner Abgründigkeit, singt von der Liebe, von enttäuschter Liebe zumal.

Aber was heißt da: singt. Aznavour gestikuliert, schneidet Grimassen, macht Anstalten, sich das Herz aus dem Leib zu reißen und wieder einzupflanzen. Schauspieler ist er eben auch. Er hat es in François Truffauts "Schießen Sie auf den Pianisten", Claude Chabrols "Die Fantome des Hutmachers" oder Volker Schlöndorffs oskargekrönter "Blechtrommel" eindrucksvoll gezeigt.

Tragende Stimme, schauspielerisches Können, sicheres Auftreten: All dies dürfte auch dem Diplomaten Aznavour von Nutzen sein. Ausschlaggebend für die Ernennung zum Botschafter war es allerdings nicht allein. Hinzu kam die Liebe zu Armenien, die ihn seine einst vor der türkischen Bevölkerungsmehrheit geflohenen Eltern gelehrt haben. Nach dem schweren Erdbeben, das Armenien 1988 verwüstete und 25 000 Menschen das Leben kostete, gründete der Künstler das Komitee "Aznavour für Armenien" und sammelte Spenden. Mit 90 weiteren Künstlern nahm er das Lied "Für dich Armenien" auf, das eine Million Mal verkauft wurde.

Die Regierung in Eriwan kürte den Franzosen zum Nationalhelden. In der Hauptstadt des Kaukasusstaates trägt ein Platz Büste und Namen des Geehrten. Eine bessere Empfehlung für einen Botschafterposten scheint schwer vorstellbar.

Die Schweiz als neue Heimat
Ende vergangenen Jahres hat der armenische Staatschef, Serge Sarkissian, dann noch das letzte Hindernis ausgeräumt und dem Wunschkandidaten nach dem Heldentitel die Staatsbürgerschaft des Landes verliehen. Wenn Charles Aznavour sich nicht in Frankreich auf das diplomatische Parkett wagt, sondern in der Schweiz, dann deshalb, weil er dort schon wohnt.

Von der französischen Justiz wegen Zoll- und Steuervergehen zur Rechenschaft gezogen, war der Franzose im Jahr 1987 zu den Eidgenossen übergesiedelt. "Ruhestand, da würde ich vor Langeweile sterben", hat der zeitlebens Rastlose kürzlich versichert. Da kommt der neue Job als Botschafter doch wie gerufen.

Autor: Axel Veiel


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