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10. Februar 2010 00:01 Uhr

Interview

Fehlfarben mit neuer CD

Sie kamen vom Punk und erneuerten den Deutschrock: Vor 30 Jahren brachten die Fehlfarben ihr Album "Monarchie und Alltag" heraus, das Lied "Ein Jahr (Es geht voran)" wurde zu einer Hymne der 80er. Jetzt gibt es eine neue CD.

  1. Drei Jahrzehnte nach ihrem Debüt geht es immer noch voran: die Fehlfarben Foto: Kim Frank

Sänger Peter Hein verband Wut über die gesellschaftlichen Zustände mit Reflexionen über das Leben zwischen Arbeit und Kneipe. Seit einiger Zeit spielen die Fehlfarben wieder in der Originalbesetzung (plus neue Schlagzeugerin). Jetzt veröffentlichen sie ihre CD "Glücksmaschinen", bald kommen sie nach Freiburg. Mit Hein sprach Thomas Steiner.

BZ: Peter Hein, Sie sind zwar der Sänger, aber lassen Sie uns erstmal über den ungemein druckvollen Sound der neuen Fehlfarben-Platte reden. Man sollte sie auf keinen Fall leise spielen, oder?
Peter Hein: Ich denke, man sollte gar keine Platte leise spielen, auch ein gutes Stück Kammermusik gehört ordentlich gewummert.
BZ: Die Musik ist nicht mehr Punkrock, aber auch noch nicht Rock.
Hein: Das war schon immer so bei uns.
BZ: Aber ein Gitarrensolo, das geht auch drei Jahrzehnte nach dem Punk immer noch nicht wieder?
Hein: Na ja, das ist wie bei der ersten Clash-Platte, da ist die Sologitarre über oder unter allem, es fällt einem gar nicht auf. Aber fragen Sie mich nicht zu Details des Gitarrenspiels, da kenn’ ich mich nicht aus.

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BZ: Wie ist es mit den Details der Drums? Die sind so laut. War das der Produzent Moses Schneider oder die Drummerin Saskia von Klitzing?
Hein: Das war die Saski, die haut fest rein. Alle spielten im kleinen Kreis bei Moses im Studio, er hüpfte in der Mitte rum, und Saski hat geklopft, bis er in Ekstase geriet.
BZ: Moses Schneider, der auch die neue Platte von Tocotronic produziert hat, nimmt die Bands gerne direkt live auf. Kommt das den Fehlfarben entgegen?
Hein: An sich hätte ich gesagt, das kommt uns gar nicht entgegen. Die Fehlfarben sind eher keine Probe-Band, vor sechs Jahren wäre das nicht gegangen. Aber wenn man im Jahr 20 bis 50 Konzerte gibt, wird man fitter.
BZ: Wer die Fehlfarben in den vergangenen Jahren live gesehen hat, hat gemerkt, dass die Band zusammengewachsen ist.
Hein: Ja genau. Wir hatten es ja 25 Jahre lang, dass wir uns nur alle zehn Jahre mal zusammengetan haben. Das haben wir dann beerdigt: Der Witz ist jetzt mal vorbei, lasst uns mal den anderen machen und eine Band sein.
BZ: Manchmal hört man auf "Glücksmaschinen" andere Bands durch: auf "Neues Leben" die Deutsch-Amerikanische Freundschaft, auf "Respekt" The Jam.
Hein: The Jam, das hätte man 1980 gerne gesagt bekommen, da haben wir tatsächlich viel The Jam gehört. Mit DAF, das ist logisch, wenn es irgendjemand darf, dann der Erfinder von DAF, unser Keyboarder, der Pyrolator.
BZ: Was hören Sie denn heute so? Kammermusik?
Hein: (lacht) Nicht so viel, mal im Radio. Eher alte Männer, jetzt gerade Ray Davies oder Graham Parker. Und CD-Wiederauflagen von Platten, die verloren gegangen sind: Only Ones, frühe Ultravox.
BZ: Jetzt müssen wir aber doch endlich über Ihre Texte reden. Da wird oft ein "Du" angesprochen: "Üben macht den Meister / glaubst du etwa daran?" Wer ist dieses Gegenüber?
Hein: Das muss man sich als Hörer für jedes Stück zurechtlegen, das ist relativ frei. Das beschimpfte Du kann durchaus bei einem Blick in den Spiegel entstehen. Und ein in der Strophe beschimpftes Du kann im Refrain im Wir wieder enthalten sein.
BZ: Im Titelstück von "Glücksmaschinen" wird jemand angesprochen, der früher mal gewusst hat, wer die Bösen sind, in ihren "Gärten dort im Grünen", und jetzt selbst im Eigenheim sitzt und Kinder hütet.
Hein: Da frotzele ich meine alten Kumpels an. Die Worte sind halt ein bisschen schärfer, weil sie nicht persönlich genannt werden. Da kann ich einen Feind aufbauen, auf den ich einhaue.
BZ: Und wenn es in "Wir Warten" heißt: "Wir warten, wir warten / Ihr habt die Uhr, wir die Zeit", da sind "wir" Peter Hein und seine Leute?
Hein: Ja, das sind alle die sich das anhören, es gut finden und mitmachen.
BZ: Und wer sind die feindlichen "die"?
Hein: Alle, die von nichts eine Ahnung haben, aber damit reich werden, die dafür sorgen, dass Geldvermehrungen nicht bei uns ankommen. Oder so ganz stumpf: Leute, die die falsche Musik hören. Oder die die falschen Schuhe tragen, das finde ich mit das Übelste.
BZ: Die Fehlfarben tragen aber selbst sehr komische Klamotten auf dem CD-Cover.
Hein: Das sind Tapeten, Anzüge aus Tapeten. Das war halt so der erste blöde Witz...
BZ: Weil die Platte auf Tapete Records erscheint?
Hein: Genau. Das hat richtig eingeschlagen, vor allem als es wirklich umgesetzt war: Ernst war lang genug, jetzt sind wir mal lustig.

– CD: Fehlfarben, Glücksmaschinen (Tapete Records/Indigo).
– Konzert: Freiburg, E-Werk, 3. April, BZ-Kartenservice 01805/556656.



Autor: tst