Das ganze Leben in einer Kehle

Jochen Fillisch

Von Jochen Fillisch

So, 16. Dezember 2018

Rock & Pop

Der Sonntag Anne Ehmke bringt Leben und Musik der Jazzlegende Billie Holiday auf die Bühne.

Sie gilt als eine der größten Jazzsängerinnen, wenn nicht als die größte überhaupt: Billie Holiday. Das widersprüchliche und tragische Leben der 1959 verstorbenen "Lady Day" bringt die Sängerin und Schauspielerin Anne Ehmke über die Weihnachtsfeiertage fünfmal auf die Bühne des Lörracher Nellie Nashorn.

"Lady Sings The Blues" heißt die Produktion in Anlehnung an einen der bekanntesten Holiday-Songs. So hießen auch die bekannteste Biografie und ein großer Film über die Sängerin. Auch der im wesfälischen Moers beheimatete Regisseur Ulrich Greb wählte diesen Titel für das Musiktheaterstück, das Anne Ehmke und der Lörracher Regisseur Vaclav Spirit als Vorlage für ihre Inszenierung wählten.

"Lady Sings The Blues" – dabei war Billie Holiday alles andere als eine Lady. Bordell, Alkohol, Drogen und Gefängnis waren ihr nicht fremd, was ihren Musikerkollegen und Freund, den Tenorsaxofonisten Lester Young, nicht daran hinderte, sie "Lady Day" zu nennen. Auch auf der Bühne gab sie sich als Lady, ihr Markenzeichen war eine weiße Gardenie im Haar.

Niemand sang den Blues so wie Billie Holiday, so innig und intensiv, so verletzt und verletzlich. Ihre großen Songs wie etwa "God Bless The Child" oder "I’m A Fool to Want You" wurden hundertfach kopiert und von keiner je erreicht – trotzdem wagt sich Anne Ehmke jetzt an dieses ambitionierte Projekt.

"Das ist eine große Herausforderung", gibt sie zu, "aber ich versuche nicht, Billie Holiday zu sein und wie sie zu singen. Ich werde auch keine Gardenie im Haar tragen. Ich werde vielmehr versuchen, als Anne Ehmke das Gefühl wiederzugeben, das sich hinter diesen Liedern verbirgt."

Und tiefe, zerrissene Gefühle gehören auf jeden Fall zum Leben der grandiosen Sängerin. "Das ist sehr berührend, das kann schon unter die Haut gehen", sagt Ehmke, die sich bei der Auswahl der Stücke nicht sklavisch an die Greb’sche Vorlage hält. Sie hat einige Stücke ausgetauscht, teils weil sie besser zu ihrer Stimmlage passen, teils aus Gründen der Authentizität: "Ich kann als weiße Europäerin nicht ,Strange fruit’ singen." Das Stück, das Billie Holiday zum großen Durchbruch verhalf, thematisiert Lynchmorde weißer Amerikaner an Schwarzen. Unter Rassismus in Amerika litt auch die Sängerin. Zwar spielte sie auch mit weißen Musikern vor weißem Publikum, viele Clubs musste sie aber entwürdigend durch die Hintertür verlassen.

Auch dieser Aspekt wird in Vaclav Spirits Inszenierung zum Ausdruck kommen. Spirit, den die Idee zu einer Billie-Holiday-Aufführung schon lange umtreibt, ist sehr zufrieden mit der Art, wie Anne Ehmke das Thema umsetzt, und die gibt das Lob spontan zurück: "Vaclav hat mich auf den richtigen Weg gebracht." Dass beiden das Ausmaß des Projekts bewusst ist, zeigt die Tatsache, dass sie schon seit mehr als einem Dreivierteljahr proben.

Schwierig gestaltete sich indes die Suche nach geeigneten Musikern. "Sehr viele Musiker sind langfristig über die Feiertage ausgebucht und mussten absagen", bedauert Ehmke. Aber letztlich fand sie mit dem Gitarristen Hary de Ville, mit dem sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet, und dem Bassisten Martin Hess zwei Musiker, die ihre Vorstellungen in idealer Weise erfüllen.

Ehmke und Spirit haben die Vorlage von Ulrich Greb stark gekürzt. Das ursprüngliche Musiktheaterstück enthielt etwa 15 Stücke und erstreckte sich über drei Stunden, die Lörracher Aufführung wird halb so lang sein. "Das Stück braucht auch Phasen, in denen man Ruhe reinbringen muss. Das sind nämlich schon Klöpse, die Billie Holiday da raushaut", sagt die Schauspielerin zum Inhalt von "Lady Sings The Blues".

Die Enge eines Jazzclubs wird bei den Aufführungen im Nellie spürbar werden. Eine kleine Bühne wird im Gastraum der Kulturkneipe errichtet, Anne Ehmke, Hary de Ville und Martin Hess führen das Stück inmitten des Publikums auf. Mehr als 50 Plätze gibt es deswegen nicht. Wer sicher gehen möchte, dabei zu sein, sollte den Vorverkauf nutzen.
Lady sings the Blues Nellie Nashorn Lörrach, Donnerstag 27. Dezember, bis Sonntag, 30.Dezember, 20 Uhr, Montag, 31.Dezember, 18 Uhr. Vorverkauf unter 0761/496 88 88, auf http://www.bz-ticket.de und im Nellie selbst.