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12. August 2017

Die Kreisläufe des Lebens

Deutlich ruhiger, reifer und reflektierter: "Cirklar", das neue Album des Tingvall Trios.

  1. Eine Einheit: Omar Rodriguez Calvo, Jürgen Spiegel, Martin Tingvall (von links) Foto: Steven Haberland

In Jamaika, beim Urlaub mit der Familie kam Martin Tingvall die Idee, wie das neue Album heißen muss: Cirklar, Kreisen. Dabei denkt der 42 Jahre alte Pianist aus Südschweden vor allem an die Kreisläufe des Lebens. An die Jahresringe, die die alten Bäume genauso wie die Menschen oder sein Trio prägen. "Wir entwickeln uns weiter, haben schon ein paar Ringe gemeinsam gedreht, und das kann man hören. Es geht nicht mehr darum, explosiv zu sein, zur Klimax zu kommen. Wir haben neue Facetten entdeckt."

Tingvall lebt seit 18 Jahren in Hamburg, weiß die Nachbarn in Groß Flottbek zu schätzen, weil sie nicht an der Tür klopfen, wenn er mit Omar Rodríguez Calvo und Jürgen Spiegel mal wieder so richtig Alarm macht. Das gehört dazu, wenn etwas Neues beim Tingvall Trio entsteht, denn schließlich sind zumindest zwei der drei Bandmitglieder mit Rockmusik groß geworden. Auf AC/DC, Whitesnake und Black Sabbath lassen Schlagzeuger Spiegel und Komponist Tingvall nichts kommen – dem setzt der Kubaner am Bass Rhythmus entgegen. "Das kann auf der Bühne schon mal knallen, denn es geht schließlich darum, neue Herausforderungen einzugehen, sich weiter zu entwickeln", sagt Tingvall. Er ist es, der die Stücke komponiert, nach ihm ist das Trio benannt, aber er will gar nicht immer im Mittelpunkt stehen. "Wir sind eine Band, und darauf bin ich extrem stolz. Wir wachsen gemeinsam, und jeder ist mal Chef auf der Bühne."

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Schlagzeuger Jürgen Spiegel und Bassist Rodríguez Calvo sind eben nicht die Rhythmussektion eines egoistischen Pianisten. Martin Tingvall komponiert zwar wie am Fließband, muss es aber auch ertragen, wenn Stücke in Bausch und Bogen abgelehnt werden. Das passiert, denn er ist sich nicht immer sicher, was für andere Musiker, für die er schreibt, darunter Udo Lindenberg, taugt oder was eben doch als Filmmusik besser aufgehoben ist. "Jazz ist neben Rock und Filmmusik meine dritte Schiene", erklärt der gelernte Musiklehrer aus Snarestad.

Nie hat Tingvall am Pult gestanden, nie unterrichtet und dass es als Musiker für ihn funktioniert, dass er von seinem Spiel und seiner Kreativität leben kann, ist für ihn ein Privileg. Diese reflektierte Sichtweise ist auch auf "Cirklar" kaum zu überhören. So ist das über einen Rock-Groove komponierte "Bumerang" ein Stück wie ein Kreislauf, denn die Melodie wird dem Hörer immer wieder ins Ohr gestopft – bis sie zuletzt verschwindet und dem Schlagzeug Platz macht.

Dieser Kreislaufgedanke findet sich auf dem neuen Album gleich in mehreren der Balladen, die das Trio aus dem Fundus von annähernd 200 Stücken, manchmal Fragmente, manchmal auskomponierte Tracks, ausgewählt hat. Darunter "Vulkanen", eine ruhige, kraftvolle Hymne, der das eher dynamische "Skånsk Blues" gegenübersteht. Neue Facetten, neue Sounds hat das Trio für sich entdeckt, und das liegt nicht nur an Bandleader Tingvall, der die Kompositionen liefert, sondern auch an den Arrangements, an denen kollektiv so lange gefeilt wird, bis die Zeit reif ist, die Songs live auch auszuprobieren. "Das ist der dritte Schritt vor der Veröffentlichung. Wir testen, ob die Songs uns auch live Spaß machen. Wir wollen ja nichts im Repertoire haben, was uns eigentlich nicht so recht begeistert", erklärt Tingvall das Procedere.

Das hat sich auch beim sechsten Studioalbum nicht geändert – nur ist das eben deutlich ruhiger, reifer, reflektierter. Grund dafür ist, dass Tingvall sich stärker mit den Gegensätzen des Lebens befasst, auf der einen Seite seine umtriebigen Kinder, auf der anderen seine langsamer werdenden Eltern. Dazu kommt, dass das Trio ein neues musikalisches Kapitel aufschlagen und sich neu erfinden will. "Wer will schon eine Kopie von sich selbst sein", erklärt Tingvall. Er ist wissbegierig, setzt sich auseinander, und genau das schätzt er an seinen Freunden. Während Jürgen Spiegel in der afrikanischen und arabischen Musik unterwegs ist, Soundfiles für Nachrichtensendungen produziert, treibt sich Omar Rodríguez Calvo in der Klassikszene Hamburgs rum. All das fließt in "Cirklar" ein, und für Tingvall ist es das erste Album des Trios, welches wirklich rund, eine Einheit, ist.

Tingvall Trio: Cirklar (Skip Records). Konzerte: Freiburg, Jazzhaus, Sonntag, 12. Nov., 20 Uhr; Waldshut-Tiengen, Sedus-Werk Dogern, Samstag, 18. Nov., 20 Uhr.

Autor: Knut Henkel