Interview

Dweezil Zappa: "Sehe Dad wie einen Klassiker"

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 24. Juli 2018 um 23:55 Uhr

Rock & Pop

Die Marktplatzkonzerte sind und bleiben das populäre und massenwirksame Schaufenster des Lörracher Stimmenfestivals. Ein Interview Dweezil Zappa, der am Samstag mit seiner Band auf dem Marktplatz auftritt.

Das kann man drehen und wenden, wie man will. Die am Mittwoch beginnende Konzertserie im Lörracher Zentrum bietet einmal mehr fünf Konzerte; eines davon gestaltet Dweezil Zappa mit seiner Band und dem Material seines 1993 verstorbenen Vaters Frank. Michael Baas hat mit Zappa Junior telefoniert, bevor er aus Los Angeles aufbrach zu seiner Europatournee, auf der Lörrach die weitaus kleinste Stadt ist.

BZ: Herr Zappa, in den Künsten kommt es nicht so oft vor, dass sich Söhne so aktiv und umfassend dem Werk ihres Vaters verschreiben. Was treibt Sie an?

Zappa: Ich kenne Dads Musik von Kindesbeinen an. Einer meiner zentralen Eindrücke war, dass das, was ihm daran am wichtigsten war, selten im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stand – auch nicht nach seinem Tod 1993. Da wurde er zwar fast zum Denkmal stilisiert. Aber mein Gefühl war, dass sein Beitrag zur zeitgenössischen Musik nicht angemessen erkannt und berücksichtigt wird. Deshalb ist es mir ein Anliegen, sein Werk weiterleben zu lassen, und zwar mit einem klaren Fokus auf das kompositorische Werk und das Gitarrenspiel.

BZ: Der Schatten Ihres Vaters ist aber ziemlich groß. Haben Sie kein Problem damit, dass er sie verdecken könnte?

Zappa: Überhaupt nicht. Nehmen Sie die klassischen Komponisten – Mozart, Beethoven, ... Ihre Werke werden seit Jahrhunderten von anderen gespielt, von Generation zu Generation weitergegeben, ohne dass der Schatten der Komponisten für die Interpreten zum Thema wird. Ich sehe Dad ein bisschen wie diese Klassiker – seine Musik spricht für sich selbst. Wir spielen sie so, wie sie angelegt und gedacht war auf Basis der ursprünglichen Kompositionen und der Anmerkungen. Das ist die einzige Art und Weise, wie jüngere Generationen sie erleben können.

BZ: Den Eindruck, dass Sie Ihre Kreativität zu sehr in den Dienst des Werkes ihres Vaters stellen, haben Sie nicht?

Zappa: Nein. Meine Erfahrung ist, dass ich durch die Auseinandersetzung mit Dads Werk grundsätzlich mehr erfahre über Musikstile und Musik im Allgemeinen. Das öffnet mir viele Türen für eigene Projekte, die ich in den vergangenen Jahren immer wieder verfolgt habe. So hatte ich zum Beispiel im November eine Premiere mit eigener klassischer Musik und einem Orchester in Harlem. Ich wäre nie in der Lage gewesen, Musik für ein 100-köpfiges Ensemble zu schreiben, hätte ich nicht die Auseinandersetzung mit Dads Werk als Grundlage gehabt.

BZ: Das Werkverzeichnis Ihres Vaters ist lang. Schon zu seinen Lebzeiten standen mehr als 60 Langspielplatten auf der Liste. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Songs aus, die Sie spielen?

Zappa: Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Manchmal haben wir ein übergeordnetes Thema. Eine der letzten Touren zum Beispiel stand unter dem Motto 50 Jahre Frank Zappa. Meistens geht es aber darum, eine gute Mischung der Stile in Dads Schaffen zu verknüpfen mit Songs, die die Leute hören wollen. Wir sind da um eine gewisse Balance bemüht. Wir wollen einen leuchtenden Überblick über Dads Werk bieten, wollen den Leuten aber auch nicht alle Stücke vorenthalten, die sie gerne hören.

BZ: Sie fühlen sich also frei genug, mehr zu spielen als die populären Songs der 70er Jahre von Alben wie "Over-Nite Sensation", "Apostrophe", "One Size Fits All" und "Sheik Yerbouti"?

Zappa: Wir haben das Programm nie als Greatest-Hits-Revue angelegt. Viele Leute wollen ohnehin mehr als diese glänzende Seite. Klar sind die populären Songs beliebt, aber das Interesse geht tiefer.

BZ: Das Werk Ihres Vaters hat diverse Phasen. Die Anfänge Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre standen im Zeichen des progressive Rocks und psychedelischer Klänge. Zuletzt war er dann viel näher an dem, was hierzulande als E-Musik, als klassische Musik, bezeichnet wird. Welche Phase ist für Sie die wichtigste?

Zappa: Wir machen des Öfteren eine chronologische Reise durch sein Werk. Die aktuelle Tour "Choice Cuts" ist ein bisschen nach dem Muster aufgebaut. Sie beginnt mit Stücken der 60er Jahre, gleitet dann wie auf einem Zeitstrahl durch die 70er- und 80er Jahre und offenbart sehr unterschiedliche musikalische Texturen. Ich mag das nicht hierarchisieren.
BZ: Die Songs ihres Vaters sind auch Klangkunstwerke, in denen neben der Musik Geräusche und Alltagstöne eine Rolle spielten. Wie gehen Sie damit um?

Zappa: Das ist eine Herausforderung. Natürlich erarbeiten wir die Stücke systematisch, hören die Aufnahmen ab und analysieren die Instrumentierung. Wir tun unser Bestes, die Songs möglichst authentisch rüberzubringen und nutzen keine modernen Sounds und Tricks, sondern versuchen, das, was die Songs ausmachte, zu rekonstruieren.


BZ: Wollen Sie möglichst nahe an das Original herankommen?

Zappa: Wir wollen, dass es sich etwa so anhört, wie auf den Alben. Spielen wir zum Beispiel etwas von "Freak out", modernisieren wir das nicht. Wir wollen nicht den Eindruck zu erwecken, das sei Musik von heute. Wir spielen es – so weit möglich – mit Instrumenten der Zeit und den damaligen technischen Möglichkeiten. Wir investieren einiges, um dieses Gefühl einer Zeitmaschine zu stimulieren. Wir wollen nicht verwischen, dass das Musik aus den 60er- oder 70er Jahren ist. Im Gegenteil. Die Songs sollen dieses Feeling und diese Aura verströmen.

BZ: ... also eine Art historische Aufführungspraxis für Rock?

Zappa: Auf jeden Fall wollen wir den Geist der Stücke lebendig werden lassen.

BZ: Eine andere Seite Ihres Vaters sind die subversiven, sarkastischen und humorvollen Züge, die er in den Shows aufblitzen ließ. Wie gehen Sie damit um?

Zappa: Das variiert, weil da ja auch Spontanität und Zufälle eine Rolle spielen. Aber es gibt ein paar Elemente, die wir aufgreifen – sei es ein Thema, ein Spaß, ein Bruch im Text. Aber wir können nicht jede Anspielung, die Dad gemacht hat, und die zum Teil auf das Zeitgeschehen oder die Erlebnisse mit seinen Musikern bezogen waren, wiederholen. Das wäre folkloristischer Nonsens. Woran wir festhalten ist, auch mal eine Anekdote von unterwegs einzuflechten. Aber die Inhalte sind naturgemäß ein bisschen anders.

BZ: Ihr Vater war zwar Musiker und Komponist, aber er war auch ein politisch denkender Kopf. Wir passt der Name Zappa zu den Trump-USA, die wir erleben?

Zappa: Mein Vater hatte in politischen und sozialen Fragen einen klaren Kopf und seine Fähigkeit, Entwicklungen vorherzusagen, war erstaunlich – etwa was die USA der Reagan-Ära betraf. Das, was er damals diagnostizierte, erleben wir jetzt wieder. Leider haben wir heute aber viel weniger dieser kritischen Geister.

BZ: Wollen Sie ihn da nicht beerben?

Zappa: Privat beschäftige ich mich auch mit solchen Themen. Aber das öffentlich zu tun, ist nicht mein Ding. Letztlich sagt mir meine Lebenserfahrung, dass es für mich das Beste ist, Musik zu machen und mich um meine Familie zu kümmern.

BZ: Sie haben lange mit Ihren Geschwistern um die Rechte am Werk Ihres Vaters gestritten und Ihr Projekt "Zappa plays Zappa" umbenannt. Ist der Streit gelöst?

Zappa: Wir haben auf jeden Fall ein Modell gefunden, auf dessen Basis wir nach vorne blicken können. Meine Geschwister haben Probleme aufgebaut, wo gar keine sein müssten.

BZ: Wie betrachten Sie den Streit im Rückblick?

Zappa: Als Zeitverschwendung!

BZ: Sie waren 2016 schon mal bei ‘Stimmen’, erinnern Sie sich?
Zappa: Ja, da war ein modernes, schönes Theater ...

BZ: ... nun spielen Sie auf einer Open-Air-Bühne mitten in der Stadt.

Zappa: Ich mag Open Air, wobei ich das deutsche Publikum sehr unterschiedlich erlebe. Manchmal ist es reserviert, manchmal supereuphorisch. Das hängt wahrscheinlich von der Region ab. Ich hoffe auf ein enthusiastisches Publikum.

BZ: ... und das Programm orientiert sich an "Choice Cuts"?

Zappa: Das ist das Gerüst. Es wird ein ganz anderes Programm sein wie 2016.

Konzerte auf dem Marktplatz: Liam Gallagher (25. Juli), Dendemann (26. Juli), Editors (27. Juli), Dweezil Zappa und Band (28. Juli), Robert Plant & The Sensational Space Shifters (29. Juli). Beginn immer 20 Uhr.