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17. Juli 2017

Ein Bündel an Lebensweisheiten

Ute Lemper beim zweiten "Stimmen"-Konzert auf dem Arlesheimer Domplatz .

  1. Ute Lemper Foto: dpa

Als es zehn schlägt, gehören die Glocken des Arlesheimer Doms schon wie selbstverständlich zum klanglichen Surround. Eine Stunde zuvor hatte Ute Lemper noch kurz gestutzt, die kleine Störung dann aber souverän ins Programm eingebaut. Ihr himmlischer Dank "Thank You Jesus" nach Ende des Geläuts mag in die "Stimmen"-Annalen eingehen. Nach dem gut besuchten Einstieg mit der britischen Rockband Elbow am Vorabend blieb "La Lemper" indes hinter den Erwartungen zurück, waren die Ränge eher dünn gefüllt. Ihr "9 Secrets"-Programm, das Gedanken aus Paulo Coelhos "Die Schriften von Accra" thematisiert, ist in sich sperriger als Lempers sonst umjubelte Hommagen an große Vorbilder des französischen Chansons.

Diesmal gilt es, sich auf musikalisch auf Neues einzulassen. Ute Lemper weiß sich zu inszenieren und beginnt nach einem leisen instrumentalen Auftakt mit einem gesprochenen Einstieg, der unvermittelt in einen unter die Haut gehenden Gesang mündet. Ihre große Stimme allein reicht ihr nicht, sie will von allem mehr, moduliert von samtweich bis raukratzig, lässt das Mikrophon immer wieder mitschwingen und erfindet eine nie gehörte Vokalartistik, für die es ein neues Genre zu definieren gälte. Von allem etwas mehr steuert auch das international besetzte Ensemble bei. Während Vater und Sohn Henri und Idriss Agnell zwischen Kastenhalslauten, Gitarren und Percussion wechseln, hebt Philippe Botta auf der Schäferflöte an, um sie später doch gegen sein Hauptinstrument, das Saxophon, zu tauschen. Nur Piano (Vana Gierig), Bass (Roman Lecuyer) und Bandoneon (Victor Villena) bleiben sich den Abend lang treu.

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An einem Bündel von Lebensweisheiten, die der Star des Abends aus Coelhos Werk herausgefiltert hat, kommt allerdings niemand vorbei. Zwar singt Ute Lemper in mehreren Sprachen, unter anderem in Jiddisch, aber jedes Stück bekommt einen deutschen Einstieg und die da singt, wird fast zur Predigerin. Dem französischen "Solitude" liegt etwa die Erkenntnis zugrunde, dass das Alleinsein nicht konträr zur Liebe stehe, sondern sie im Gegenteil ergänze und auf Dauer sogar unabdingbar sei. In "Change" und "Movimento" geht es um ständige Bewegung und Wiederkehr. Jetzt endlich bekommt auch die Instrumentierung mehr Raum. Zeitgleich legt die Sängerin alles Divenhafte ab, um mit Saxophon, Gitarre und Percussions in einen bewundernswerten stimmlichen Dialog zu treten.

In mehr als klangliche Bewegung war die Bühne schon vorher geraten, hatte doch nach dem ersten Läuten der Domglocken die Dämmerung eingesetzt. Langsam kann die erst unsichtbare zeitgeraffte 24-Stunden Projektion einer Wüsten- und Ruinenlandschaft von Starregisseur Volker Schlöndorff Gestalt annehmen. Mit dem Aufwachen der Bilder gewinnt auch die Atmosphäre an Farbigkeit und Intimität. Die zwei Domherrenhäuser aus dem 17. Jahrhundert an den Bühnenrändern und der zunächst barocke und dann ins Rokoko gerutschte Kirchenbau werden jetzt plötzlich zum Rahmen für ein Konzert, das am Ende doch als mehr in Erinnerung bleibt, denn als Lückenfüller nach dem im Frühjahr unerwartet verstorbenen und eigentlich geplanten Al Jarreau.

Autor: Annette Mahro