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17. Juli 2017

Ein Fest der Melancholie

Die britische Indierockband Elbow auf dem Domplatz im Arlesheim im Kanton Baselland.

  1. Guy Garvey bei „Stimmen“ in Arlesheim Foto: Barbara Ruda

  2. Guy Garvey bei „Stimmen“ in Arlesheim Foto: Barbara Ruda

Guy Garvey ist keiner dieser stromlinienförmigen Typen, die heute vielerorts den Ton angeben. Der 43-Jährige aus Manchester, der Anfang des Jahrzehnts schon mal nah am Absturz wandelte, hat Ecken und Kanten und den vielbeschworenen britischen Humor. Der blitzt auch auf dem "beautiful setting" (Garvey), dem Domplatz in Arlesheim, hin und wieder auf. "Ich habe da ein bisschen Philosophie verpackt, aber ob es funktioniert, weiß ich nicht", erklärt er zum Beispiel nach "All Disco" und das in dem Manchester-Akzent, der das englische "O" tatsächlich wie ein deutsches "O" spricht, so dass sich love wie lov anhört. Doch das sind nur Fußnoten dieses in jeder Hinsicht satten Elbow-Gastspiels beim Stimmen-Festival in der Basler Umlandgemeinde, deren Name wohl noch nie so häufig und beseelt aus Hunderten von Kehlen über den Platz geschallt sein dürfte. Eine weitere Fußnote zu einem auch in der Hinsicht bemerkenswerten Konzert.

Die eigentliche Story ist natürlich die Musik. Diese bot einen Querschnitt diverser Elbow-Alben – vom ersten "Asleep in the Back" bis zum neuen "Little Fictions". Der Einstieg folgt mit "Any Day Now" vom ersten Album noch streng der Chronologie. Schon der Opener aber wartet mit bis heute typischen Elbow-Ingredienzien auf: Craig Potters langgehaltenen Keyboard- und Orgelakkorden, Pete Turners sublim treibenden Bassläufen und Alex Reeves’ wuchtigen Beats, die das Fundament legen für Garveys leicht monotonen Gesang und im Wechsel aufpoppende flirrende Gitarrenriffs und -soli Mark Potters. Das erinnert phasenweise an die frühen Pink Floyd oder The Smiths, in den 80er Jahren Pioniere des britischen Indierock und ebenfalls in Manchester zu Hause. Vergleiche aber hinken immer. Elbow bleibt Elbow.

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Es folgt das folkig inspirierte "The Bones of You" mit Backgroundgesang und Akustikgitarre, an der Mark Potter mit repetitiven Mustern hörbar das Trancehafte stimuliert, das Elbow-Songs oft ausmacht. Dritter Song ist "Flyboy Blue/Lunette", dessen erster Teil eine schreckliche pseudoirische Bar am New Yorker JFK-Flughafen inspirierte, wie Garvey erzählt – ein Schrecken, den schwere Akkorde und die verzerrte Gitarre plastisch anklingen lassen, bevor der zweite Teil ins Hymnische driftet. Mit dem lyrisch-filigraneren "Head of Supplies" kommt dann das erste Stück der neuen CD. So oszilliert das Set zwischen älteren, rockigeren, härteren Songs und den soften, balladenhafteren, souligeren der Gegenwart.

Doch egal ob Nachrufe für "upset friends" wie "My Sad Captians", Songs übers Streiten à la "Little fictions" oder Liebeslieder: Elbow spielt virtuos mit ostinatohaften, sich wiederholenden Figuren und Akkorden, im Rock auch als Riff oder in der elektronisch angereicherten Musik als Loop bezeichnet. Pulsende Synthesizertöne, langgehaltene Akkorde und einfache, aber flächig anmutende Harmoniebögen entwickeln regelmäßig einen leicht hypnotischen Sog. Entsprechend sind die erhobenen, wogenden Arme des Publikums ein wiederkehrendes Bild dieses Konzertes: Elbow zelebriert Melancholie, ohne dass diese in Selbstmitleid zerfließt oder gar in Wut ausartet.

"New York Morning" oder Magnificent" vom neuen Album sind weitere Stationen dieser Best-Of-Serie. Als letzter Song vor den Zugaben kommt "One Day like This", das Lied, mit dem Elbow bei der Schlussfeier der Olympiade in London 2012 für ein Millionenpublikum jenseits der Insel zum Begriff wurde. "We are Elbow from Manchester", verabschiedet Garvey die Band dann nach vollen zwei Stunden und der wiederholten Nachfrage "You are okay still" mit der zweiten Zugabe. Das scheint ihm so wichtig wie die Verortung. Tatsächlich liefert Elbow gute Gründe, die nordenglische Großstadt auf die kulturelle Mind Map zu setzen – Brexit hin, Brexit her. "Stimmen" scheint angesichts des Tourplans aber offenbar einer der wenigen Veranstalter hierzulande, der das realisiert hat.

Fotos vom Konzert gibt’s auf: http://mehr.bz/stimmen-elbow

Autor: Michael Baas