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17. Juni 2009

Ein kosmopolitischer Musiker

Der Jazz-Saxophonist Charlie Mariano ist im Alter von 85 Jahren gestorben.

Sein Ton war vibrierend, leicht und beweglich, von melodischer Wärme geprägt. Im Heer namhafter Altsaxofonisten war Charlie Mariano stets eindeutig auszumachen. "Ich kenne keinen Saxofonisten, der die Stimmung einer Melodie so bewegend ausbreiten konnte", meinte anerkennend Jasper van´t Hof, der oft mit Mariano tourte. Gestern ist der weißhaarige Instrumentalist 85-jährig in seiner Wahlheimat Köln nach langer Krankheit gestorben.

Charlie Mariano, ein klangvoller Name, der nachhaltig auf die europäische und deutsche Szene ausstrahlte und zur Identifikationsfigur des Jazz wurde. Am 12. November 1923 als Sohn italienischer Einwanderer in den USA geboren, kam er früh mit Opernmusik in Berührung, bekam von Kindesbeinen an Klavierunterricht. Er begann 1941 seine Karriere aber in einer schwarzen Showband unter dem Einfluss des Ellington-Saxofonisten Johnny Hodges in Boston. Dort studierte er an der renommierten Berklee School of Music, bevor er mit den Heroen des Bebop, Charlie Parker und Dizzy Gillespie, auf Tournee ging. Einem breiteren Publikum wurde Mariano bekannt, als er sich 1953 dem Orchester von Stan Kenton anschloss, wo er zwei Jahre blieb. 1962, nach langer Lehrtätigkeit an besagter Berklee School, folgte ein Engagement beim Bassisten Charles Mingus. Zwei einflussreiche Platten nahm Mariano mit ihm auf, "Mingus, Mingus, Mingus" und "Black Saint and the Sinner Lady".

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In den Jahren darauf beschäftigte sich Charlie Mariano intensiv mit asiatischer Musik. In Japan, wohin er seiner damaligen Frau Toshiko Akyoshi gefolgt war, erweiterte er seinen musikalischen Horizont unaufhörlich, leitete dann in Malaysia die Radio-Bigband und studierte in Indien exotische Blasinstrumente, darunter das oboenartige Nagaswaram. In all diesen Musikformen erhielt sich Mariano seinen persönlichen Ton, jenen sogleich erkennbaren bluesigen Saxofonsound, der seine Musik immer wieder in den Jazz zurückholte. Als er 1972 Europa zu seiner Heimat machte, hatte Mariano alle denkbaren Varianten von Fusion-Music gespielt, lange bevor dort Weltmusik zum Modewort wurde.

Mit der Gründung der richtungweisenden Jazzrock-Formation Pork Pie wurde der Saxofonist 1973 auf dem alten Kontinent populär. Dass er vier Jahre später Gründungsmitglied des ein Viertel Jahrhundert bestehenden United Jazz and Rock Ensembles wurde, war nur folgerichtig. Mit allen Jazzern, die seinerzeit in Mitteleuropa einen Namen hatten, arbeitete der stets neugierige Saxofonist zusammen. In den achtziger und neunziger Jahren hatte er seinen Stil verfeinert, sein Spektrum beharrlich ausgebaut. Als musikalischer Grenzgänger hat er sich nie verstanden, eher transzendiert er die Grenzen zwischen den Klängen der Kulturkreise. In den neuen Wegen sah er keine Fusion, sondern eine Ebene der Verständigung und der harmonischen Annäherung. Er wurde zum Inbegriff des kosmopolitischen Musikers und zur starken Integrationsfigur. In Freiburg bleibt er als Partner des Bassisten Dieter Ilg in Erinnerung.

Autor: Reiner Kobe