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22. Januar 2011

Eine Legende der brasilianischen Musik in Freiburg

Der Sänger und Komponist Ivan Lins erarbeitet mit dem Musikhochschul-Professor Ralf Schmid ein Big-Band-Album.

Prominenz aus der brasilianischen Musikszene in Freiburg zu Gast: In dieser Woche hat Ivan Lins, die international verehrte Songwriter-Ikone aus Rio, die Stadt besucht. Eingeladen hatte ihn Ralf Schmid, Jazz-Professor der Musikhochschule. Er hat 2009 für ein Bossa-Nova-Album der SWR Big Band Arrangements geschrieben, mit Lins soll es nun ein zweites Brasil-Projekt des Ensembles geben.

Nach ihren ersten Sessions sitzen Lins und Schmid entspannt in einer Hotellobby und berichten: "In Lissabon haben wir uns im April kennengelernt und erste Möglichkeiten einer Zusammenarbeit sondiert. Ich habe schnell zugesagt, denn ich liebe Big Bands, Leader wie Henry Mancini oder Sinatras Arrangeur Billy May sind meine frühen Helden", schwärmt der 65-jährige Lins. Die Initiative für das Treffen mit dem Freiburger ging tatsächlich vom Brasilianer aus: Er war auf die SWR Big Band aufmerksam geworden, als er die ausgefeilten Texturen der CD "Bossa Renova" hörte. Schmid hatte hier mit Sängerin Paula Morelenbaum und Trompeter Joo Kraus den Klangkörper des SWR erstmals aufs Brasil-Terrain geführt – und dabei auch das Lins-Stück "Setembro" interpretiert.

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Für Schmid ist dieses neue Teamwork ein logisches zweites Kapitel seiner musikalischen Brasilienreise. Und zugleich die Erfüllung eines Traums, denn der 25 Jahre jüngere Deutsche hörte schon als Kind die Hits von Lins: "Ivan ist der einzige brasilianische Künstler, der als Sänger, Instrumentalist und Komponist immensen Respekt genießt, auch bei Giganten wie Quincy Jones und Herbie Hancock. Jeder Musiker, den ich kenne, ist in seine Songs verliebt."

In Boston und Rio aufgewachsen, entwickelte Lins vor 40 Jahren eine sehr individuelle Sprache, in der er aus den Rhythmen und Melodien Südamerikas schöpft. Sein Markenzeichen sind Balladen voll lyrischen Überschwangs und komplexer Harmonik. Dazu kommt sein unverwechselbarer Falsettgesang. Was man kaum glaubt, wenn er im Interview mit dröhnender Bass-Stimme spricht.

"Was Ralf und ich vorhaben, das wird eine richtige Überraschung", freut sich Lins. "Im Laufe meiner Karriere haben sich viele Demo-Versionen von Songs angesammelt, eine große Bibliothek von unveröffentlichten Sachen." Für fünf Tage nistete sich das Duo im Schlossbergsaal des SWR-Studios ein, wo mit Flügel, Keyboard und einfacher Aufnahmetechnik erste Eckpfeiler für das Teamwork gesetzt wurden. "Ivan hat einen Turm von CDs nach Freiburg mitgebracht, die wir alle durchgehört haben, um herauszufinden, welche dieser bislang unbekannten Stücke am besten mit der Big Band funktionieren werden, darunter ist auch ein Tribut an Miles Davis", so Schmid. Der große Jazz-Trompeter wollte in den 80er Jahren ein Album mit Lins-Songs einspielen, wurde dann aber krank. Nach seinem Tod benannte Lins eines der vorgesehenen Stücke in "Missing Miles" um – nun wird es doch noch das Tageslicht erblicken. Nach der Ausarbeitung der Arrangements soll die Big Band auf den Plan treten, die Veröffentlichung ist für 2012 geplant, Konzerte sind bereits vorher anvisiert.

Mit Ivan Lins zu reden, bedeutet, in die brasilianische Musikgeschichte einzutauchen: Der Gast aus Rio schildert, wie er während der Diktatur kritische Texte durch die Zensur mogelte, jede einzelne seiner Shows einer dreiköpfigen Kommission vorspielen musste. Wie er beim Riesenfestival Rock in Rio einfach seine 200 000 Zuschauer singen ließ, als ihn die Stimme im Stich ließ. Sogar Al Jarreau habe das damals zu Tränen gerührt, sagt er. Man könnte ihm lange zuhören, doch er muss sich für den Abflug rüsten. Was er denn von Freiburg mitnimmt? "Ich staune über die Kirchen, Plätze, Häuser, mich fasziniert die alte Architektur und die Energie hier. In einer Stadt wie dieser könnte ich mich ohne weiteres niederlassen!" Dass er bald zurückkommt, daran lässt er keinen Zweifel.

Autor: Stefan Franzen