Freiburg

Gedichte, Geschichten, Botschaften und Bekenntnisse: Konstantin Wecker beim ZMF

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mi, 19. Juli 2017

Rock & Pop

Ewiger Augenblick

Zu Beginn zieht Konstantin Wecker gemeinsam mit dem Geiger Markus Wall von hinten ins voll besetzte Zirkuszelt ein. Am Ende nimmt er wieder ein Bad in der Menge. Dazwischen liegen dreieinhalb Stunden Gedichte, Geschichten, Lieder, Botschaften und Bekenntnisse, bezaubernde Cellokantilenen und harte E-Gitarrensoli. Der denkwürdige Abend ist zärtlich und wütend, nachdenklich und euphorisch. "Poesie und Widerstand" heißt das neue Album des am 1. Juni 70 Jahre alt gewordenen Barden.

Beim Zelt-Musik-Festival in Freiburg präsentiert Wecker am Montag einen Querschnitt durch seine 50-jährige Songgeschichte – vom frühen "Ich singe, weil ich ein Lied hab" bis zum ganz neuen "Den Parolen keine Chance", das sich melodisch bei Beethovens "Ode an die Freude" bedient und gegen Nationalismus ansingt. Die Themen, die Wecker zu Gedichten und Liedern macht, bleiben aktuell. Gegen den Krieg und den Kapitalismus, für den Frieden und die Liebe. Das ist im Detail weniger platt, als man denken könnte, weil Konstantin Wecker eine erstklassige Band um sich geschart hat, die die bewegten Verse ganz unterschiedlich begleitet und auch immer wieder selbst die Initiative übernimmt.

Wecker lässt nie den Moralapostel heraushängen, sondern thematisiert ironisch sein eigenes Scheitern und seine Widersprüche ("Meine Gedichte sind immer klüger als ich"). Das offene Hemd ist eine Reminiszenz an seine wilden 80er- und 90er-Jahre. Nur liegt jetzt statt der Goldkette eine regenbogenfarbene Friedenskette auf seiner braungebrannten Brust, die es auch zu kaufen gibt.

Seine helle, schlackenlose Tenorstimme, sein lang gerolltes R, sein rhythmisches Klavierspiel sind Markenzeichen, die auch 2017 nicht verblassen. Die Liebe besingt er mit Pathos im "Liebeslied im alten Stil", entdeckt aber auch im späten Glück mit Reggaeanklängen Leichtigkeit und Komik ("Weil ich Dich liebe").

"Die Weiße Rose" oder das bergpredigtgleiche "Was keiner wagt", in dem er Mut zur Zivilcourage fordert, sind gewichtige Statements. Das Pathos habe er früh in Opernarien gefunden, die er gemeinsam mit seinem Vater, einem erfolglosen Opernsänger, nachgesungen habe. Eine alte Tonbandaufnahme wird eingespielt, auf der der Knabe Konstantin die Violetta aus Verdis "La Traviata" singt. Berührend auch Weckers Lied "Für meinen Vater", wo er wie so oft zwischen Sprechen und Singen hin- und hergleitet ("Du hattest Größe, ich hatte Glück"). Dieser persönliche Ton zieht sich durch den ganzen Abend. Zu betulich wird es nicht. Dafür sorgen Nummern wie der kraftvolle Blues "Wehdam", an den die Band noch einen Rock’n’ Roll dranhängt und Wecker im Stehen den Flügel bearbeitet. Dafür tauscht Severin Trogbacher die Bratsche mit der Stromgitarre und Fany Kammerlander das Cello mit dem E-Bass. Drummer Jens Fischer erhöht die Schlagzahl und Pianist Jo Barnikel spielt druckvoller.

Konstantin Wecker hat es sich nie bequem gemacht. Auch beim Freiburger Konzert schont er sich und seine Band in den beiden langen Sets nicht. Seine unbändige Energie hat ihn auch aus den Drogentrips, die ihn 1995 zwei Wochen ins Gefängnis brachten, wieder zurück ins Leben und auf die Bühne geführt. Die dunklen Momente seines Lebens klammert er nicht aus. In "Alles das und mehr" geht es um seine Depressionen. Mit dem von Fany Kammerlander kristallklar gesungenen "Gracias a la vida" der eng befreundeten Mercedes Sosa drückt er seine Dankbarkeit gegenüber dem Leben aus.

Wecker ist auch ein Menschenfreund. Als er das Publikum zum kollektiven Umarmen auffordert, beugt er sich selbst von der Bühne herunter, bevor er mit "Sage Nein" nochmals das Zirkuszelt zum Tanzen bringt. Das mit stehenden Ovationen gefeierte Konzert beendet er ruhig und altersweise mit seinem Gedicht "Jeder Augenblick ist ewig". Mit diesem Konzert hat er sich jedenfalls ins ZMF-Gedächtnis eingebrannt.