BZ-Interview

Folk Music: Joan Baez stellt ihr finales Album vor

Stefan Woldach

Von Stefan Woldach

Do, 01. März 2018 um 20:30 Uhr

Rock & Pop

Sie ist Musikerin und Menschenrechtlerin. Und immer noch aktiv. Die 77-Jährige Amerikanerin Joan Baez geht jetzt zum letzten Mal auf Welttournee.

Ihre Lieder, ihre engagierten Texte und ihr glasklarer Sopran schliffen Diamanten der amerikanischen Folk Music und ließen die Welt ein wenig heller erstrahlen. Mit "Whistle Down The Wind" stellt Joan Baez ihr erstes neues Album seit zehn Jahren vor. Zugleich ist es ihr letztes, mit dem die 77-jährige Musikerin und Menschenrechtlerin auf eine finale Welttournee durch Europa und die USA geht. Stefan Woldach hat mit ihr gesprochen.

BZ: Frau Baez, als Sie 1973 erstmals durch Europa tourten, war das dem FBI einen Bericht über Sie wert. Glauben Sie, Ihre aktuelle Tour wird noch immer vom amerikanischen Geheimdienst begleitet?
Baez: (lacht) Woher wissen Sie das denn? Aber es stimmt. Und heute? Nun, ich vermute eher nicht!

BZ: Sie erklären "Whistle Down The Wind" für Ihr letztes Studioalbum. Mit welchem Gefühl sind Sie an die Aufnahmen hergegangen?
Baez: Ein sehr sentimentales Gefühl, das ich anfangs auch mit ins Studio trug. Das wurde natürlich noch verstärkt, weil ich parallel meine letzte Tournee vorbereitete. Der einzige Plan war, dass dieses Album einen Bezug zu meinem Debüt von 1963 herstellt. Damit sollte sich der Kreis schließen. Ich hoffe, ich habe das geschafft, ein stimmungsvolles Album mit Folksongs, Balladen und Liedern mit aktuellen Themen hinzubekommen.

BZ: Ihr Album beinhaltet unter anderem Songs von Tom Waits, Josh Ritter, Mary Chapin Carpenter, Zoe Mulford und Richard Thompson. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Künstler ausgesucht?
Baez: Es klingt vermutlich abgedroschen, aber ich kann nur sagen, dass die Songs mich aufgesucht haben und nicht andersherum! Manchmal finde ich einen Song toll und glaube, er passt perfekt zu mir. Aber wenn ich ihn dann probiere, fühlt es sich irgendwie nicht richtig an. Dann lasse ich es sofort sein, weil ich weiß, dass es keinen Sinn macht.

BZ: Das Lied "The President Sang Amazing Grace" handelt davon, wie Präsident Obama 2015 nach dem Attentat auf eine Kirche in Charleston bei der Trauerfeier für die Opfer dieses berühmte Lied anstimmt. Sie hat diese Geste sehr berührt?
Baez: Richtig. Es ist ein düsterer Song, aber auch wunderschön. Er zeigt mir vor allem, wie kalt und abstoßend es heute im Weißen Haus zugeht. Alles, was heute von unserer Regierung kommt, ist bösartig. Auch wenn Obama seine Fehler hatte und Entscheidungen traf, die mir nicht gefielen, war er ein achtsamer Mensch. Und die Geste, dass er nach Charleston kam und sang – kein anderer Präsident hätte das getan –, es war eine wundervolle Geste. Sie kam von Herzen. Obama fehlten die Worte. Also sang er dieses Kirchenlied. Das passte perfekt.

BZ: Sie sind in den Sechzigern an vorderster Front der Bürgerrechtsbewegung marschiert. Wünschen Sie sich heute einen ähnlichen Ungehorsam gegen Trump?
Baez: Wenn wir diesen zivilen Ungehorsam nicht formulieren und demonstrieren würden, würden wir recht schnell ein faschistisches Land. Wir stehen ja schon kurz davor. Man liest heute von Konservativen wie dem Journalisten George Will als auch von Linksliberalen wie dem Regisseur Michael Moore bezeichnenderweise genau das gleiche: Die amerikanischen Bürger müssen ihren Hintern hochkriegen, zum Weißen Haus marschieren und ihren Willen kundtun. Denn was wir erleben, erinnert stark an Hitler. Doch während es Hitler um Macht ging, geht es der Regierung Trump um Geld. Um nichts anderes. Ich habe viele liberale Freunde, die sich fragen, wann wir wieder Licht am Ende des Tunnels sehen werden. Doch es wird dieses Licht nicht geben, denn dieser Mann besitzt keinerlei Empathie. Er kümmert sich nur um sich selbst und sein Geld. Dafür lügt er ununterbrochen. Und es gibt viele Menschen, die ihm das sogar glauben!

BZ: Es ist zynisch, dass ausgerechnet jene Amerikaner, die von Trump nicht das Geringste zu erwarten haben, ihn ins Amt gehoben haben.
Baez: Ist das nicht absurd? Keiner meiner Freunde versteht das. Ich habe mich neulich in L. A. mit einem Taxifahrer unterhalten. Seine Familie stammt vom Balkan und er schwärmte, wie sehr er unser Land liebe und wie toll er Trump fände. Ich sagte ihm: Trump kümmert sich einen Scheiß um Leute wie dich! Er wringt dich nur aus wie einem Schwamm. Du bist ein Einwanderer, du bist und bleibst arm. Aber wenn jemand das nicht erkennen will, geht er eben blind durchs Leben.

BZ: Sie sagen, ein Grund, warum Sie keine Lieder mehr schreiben und auf Tour gehen, läge an Ihrer tieferen Stimmlage. Wäre die nicht gerade ein Ausgangspunkt für neue Projekte?
Baez: Wenn es ein Projekt wäre, das mein Interesse weckt, warum nicht? Ich würde es versuchen. Aber meine Stimme hat sich nun mal verändert, das bringt eben das Alter mit sich. Ich will aber vor allem keine langen Tourneen mehr spielen. Ich steige jetzt zum letzten Mal in einen Bus und reise sechs Wochen durch Amerika, danach durch Europa und stehe fast jeden Abend anderthalb Stunden auf der Bühne. Das will ich mir nicht mehr antun.

BZ: Nehmen Sie Ihr Markenzeichen, Ihre 1929er-Martin-Gitarre mit auf Tour?
Baez: Nein, ich nehme sie nicht mehr mit auf Reisen. Sie ist grazil wie eine Feder. Sie ist ein Schatz. Und ich behandle sie auch so. Dieses Album habe ich noch auf ihr eingespielt. Ich buchte ihr den Sitz neben mir auf dem Flug ins Studio. Ich kann nur sagen, dass es ein einmaliges Instrument ist, das jetzt Ruhe verdient.

BZ:
Stimmt das Gerücht, ...
Baez: (lacht) Es stimmt!

BZ: ... dass bei einer früheren Reparatur der Gitarrentechniker im Inneren des Korpus eine Notiz mit Bleistift versteckt hat: "Too bad, that you’re a communist!"
Baez: Tja, diese Geschichte ist besser als alles, was man über mich erfinden könnte, oder? Diesem Typ war es offensichtlich egal, ob ich Kommunistin war, denn er wollte ja Geld mit der Reparatur verdienen. Und er hat einen ordentlichen Job gemacht. Aber offensichtlich konnte er nicht widerstehen, eine kleine Botschaft zu hinterlassen.

Joan Baez: Whistle Down The Wind (Proper Records). Konzerte: Di, 31. Juli, Ludwigsburg, Residenzschloss, 20 Uhr; Mi, 1. Aug., Schwetzingen, Schlossgarten, 20 Uhr.