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30. Januar 2010 00:57 Uhr

Popmusik

Get Well Soon: Der Hang zur großen Geste

Opulenz und ein ausgefuchster Wohlklang, die beeindrucken, aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Songs besser sein könnten: Der Popkünstler Konstantin Gropper alias Get Well Soon und sein neues Album "Vexations".

  1. Der Popkünstler Konstantin Gropper alias Get Well Soon Foto: Jens Oellermann

Seltsame Zeiten für die Musik: Castings im Fernsehen und das Internet machen alles öffentlich auf dem Weg zum Ruhm. Andererseits macht es heutzutage der Computer möglich, im Geheimen am großen Wurf zu werkeln. So gehört es mittlerweile zum Mythos Pop dazu, dass einer plötzlich wie aus heiterem Himmel fällt und mit Donner und Blitz die Szene ein wenig durcheinanderwirbelt. So einer war vor gut anderthalb Jahren Konstantin Gropper, der sich ein sehr hübsches Pseudonym ausgedacht hat: Get Well Soon.

Wie aus Stein gemeißelt klang sein Debütalbum: "Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon". Kein albernes oder niedliches (Gitarren-)Geplänkel, sondern gleich der Paukenschlag eines 27-Jährigen: Melancholie, Pathos und ein wenig Weltschmerz eingepackt in Klänge vom Balkan bis Calexico. Auch der Hang zum Monumentalen, der Wille zur großen Geste war nicht zu übersehen – melodramatisch wie Film-Musik. So etwas hat man in deutschen Landen zwar schon gehört, aber noch nicht gemacht. Während sogar der britische New Musical Express vom "German Wunderkind" sprach, wurde hierzulande gerätselt, wie so einer aus der oberschwäbischen Provinz kommen kann. Eine schöne Geschichte.

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Es gibt aber auch ganz Profanes zu vermerken. Der Vater ist ein Musiklehrer. Nach der Schule studierte Gropper in Heidelberg Philosophie und Germanistik, um schließlich an der Mannheimer Popakademie zu landen und nach drei Jahren den Abschluss zu schaffen. Komponieren habe er dort zwar nicht gelernt, aber die Regeln des Geschäft, sagt er nicht unclever zum eher uncoolen Pop-Studium.

Was aber folgt dem sensationellen Debüt, für das sich Gropper drei Jahre Zeit genommen hatte? "Vexations", zu deutsch Ärgernisse, hat er das neue Album genannt, der Titel ist eine Anspielung an ein monströses, rund 30 Stunden langes Klavierwerk gleichen Namens von Eric Satie. Da werden gleich wieder große Geschütze aufgefahren.

Nur zwei Wochen blieb dem Einzelgänger Zeit, für das neue Album ins Studio zu gehen, weil ihn Wim Wenders und Detlev Buck als Film-Komponisten engagiert hatten. Das ist "Vexations" anzumerken: Es klingt zwar nicht gerade wie ein Schnellschuss, doch das Hauptaugenmerk liegt auf dem Sound und der Atmosphäre: Chor, Kammerorchester samt Bläser und Schlagwerk à la Vibraphon erzeugen eine Art dunkel-romantisches Kuschel-Nirwana. Statt am Computer generierter Samples und Zitate wie noch auf dem Debütalbum ist hier alles handgemacht. Das Resultat: eine Opulenz und ein ausgefuchster Wohlklang, die zwar beeindrucken, aber nicht darüber hinwegtäuschen können, dass das Songwriting ein wenig zu kurz kam.

Doch zwischen all dem Geraune und orchestralen Gesäusel sind auch ein paar richtig gute Stücke: "Seneca’s Silence" huldigt dem stoischen Philosophen mit einem treibenden Beat. Ähnlich, verziert durch eine hübsche Gitarrenlinie, das neckische "We Are Ghosts". Der Schluss-Refrain "And god is dead" zitiert Nietzsche. Fast schon clever, hätte das "German Wunderkind" nicht ein wenig mit den Versatzstücken aus dem Kanon des Bildungsbürgertums übertrieben: Auf "Vexations" müssen auch noch Jean-Paul Sartre, Werner Herzog und das Römische Imperium dran glauben.

Gott sei Dank muss man das alles nicht so ernst nehmen. Dass Konstantin Gropper alias Get Well Soon auch Humor hat, bewies er bei seinem Konzert auf dem Freiburger ZMF anno 2008. Dort coverte der Charmeur Roxettes Schmachtfetzen "It Must Have Been Love" mit den Worten: "Kann man machen". Das gilt auch für "Vexations".
– Get Well Soon: Vexations (City Slang/ Universal).

Autor: Joachim Schneider