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08. August 2012

Interview

Gossip-Sängerin Beth Ditto: „Ich war immer laut“

Beth Ditto ist einer der gewichtigsten Popstars der Gegenwart. Im Ticket-Interview spricht die Gossip-Sängerin über ihre Musik, ihr Selbstbewusstsein und Karl Lagerfeld.

  1. Spielen nächste Woche in Colmar: Hannah Billie, Beth Ditto und Brace Paine (v.l.) sind Gossip Foto: pro

Sie ist einer der gewichtigsten Popstars der Gegenwart: Beth Ditto ist mit ihrem Auftreten, ihrer Stimme und dem Discopunk ihres Trios Gossip zumindest in Europa zu einer Ikone geworden. Und auch die Modewelt liebt sie: Beth ist befreundet mit Kate Moss, und Karl Lagerfeld hat sie zu einer seiner Musen gemacht. Jetzt kommen Gossip nach Colmar für ein Konzert bei der dortigen Weinmesse. Zuvor sprach Steffen Rüth mit der 31-Jährigen.

Ticket: Beth, stimmt die Meldung, dass Sie unbedingt einen Song für Madonna schreiben wollen?
Beth Ditto: Ja, dieser Wunsch ist immer noch sehr stark vorhanden. Und wenn ich schon mal dabei wäre, würde ich sie auch gerne stylen. Ich würde dafür sorgen, dass Madonna sehr chic aussieht. Sie soll nicht immer so durchgedreht und aufgemotzt herumlaufen. Sondern lieber mal etwas Klassisches tragen.
Ticket: Die jüngste Gossip-Single "Perfect World" kommt einer Madonna-Nummer schon recht nahe. Sie erinnert an "Papa Don’t Preach".
Ditto: Vielen Dank. "Perfect World" ist für mich die größte Hymne auf dem Album, Ich habe das Lied nach dem Ende meiner vorherigen Beziehung geschrieben. Wir waren neun Jahre lang zusammen, am Ende sprachen wir nicht mehr miteinander, und das Fazit lautet: Die Welt ist einfach nicht perfekt.

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Ticket: Gossip haben ihre musikalischen Wurzeln in der Punkszene. "A Joyful Noise" geht aber sehr stark in Richtung Pop. Warum?
Ditto: Wir experimentieren einfach gerne. Wir sind keine Snobs. Manche Songs benötigen mehr Synthesizer, andere schreien nach harten Gitarren. "Melody Emergency" zum Beispiel ist eine Nummer, auf der es Brace an seiner Gitarre tierisch krachen lässt.
Ticket: Gossip sind jetzt Stars. Wie kommen Sie damit klar?
Ditto: Daheim in Portland interessiert sich keine Sau für uns, wir haben in den USA null Erfolg. Das ist einerseits Mist, andererseits super. Wenn ich zu Hause bin, habe ich meine Ruhe und kann abschalten.
Ticket: Warum haben Sie denn in den USA keinen Erfolg?
Ditto: Zu fett, zu lesbisch, zu vorlaut, was weiß ich.
Ticket: Für viele sind Sie gerade deshalb eine Ikone. Haben Sie sich mit der Rolle angefreundet?
Ditto: Ich bin immer noch dabei, mich mit dieser Rolle vertraut zu machen. Insgesamt fange ich an, diese Vorbildsache ein bisschen ernster zu nehmen. Die Qualität meines Lebens ist so viel höher, weil in der Generation vor mir die Homoaktivistinnen und die Feministinnen hart gekämpft haben, damit es vorwärts geht. Jede Generation hat es leichter, und für mich war es, seien wir ehrlich, nie ein großes Drama, lesbisch zu sein. Für meine Familie auch nicht. Für die nächste Generation soll es noch selbstverständlicher sein.
Ticket: Sie waren dieses Jahr mit Ihrer Mutter bei der Fashion Week in Paris. Wie ist ist sie mit Karl Lagerfeld zurechtgekommen?
Ditto: Ich sagte zu Mum: "Karl Lagerfeld hat uns eingeladen." Sie meinte bloß, "Liebes, wer ist das bitte?" Der Moment, in dem meine Mutter wirklich beeindruckt war, das war, als ich ihr ein Foto geschickt habe, auf dem ich zusammen mit Paul McCartney drauf bin. Paul ist der Größte für sie.
Ticket: Was ist das für ein Verhältnis zwischen Ihnen und Lagerfeld?
Ditto: Wir haben uns einige Male getroffen und vielleicht zwei Mal wirklich lange unterhalten. Ich würde ihn jetzt nicht als einen meiner engsten Freunde bezeichnen. Karl ist ein wunderbarer Mann, ein echter Exzentriker. Und das mag er wohl auch an mir – dass ich nicht stromlinienförmig bin. Dazu kommt noch, dass ich mich generell sehr gut mit älteren schwulen Männern verstehe.
Ticket: Sind Sie eigentlich schon selbstbewusst zur Welt gekommen?
Ditto: Ich wuchs mit zwei Schwestern auf, der Ton bei uns ist rau. Ich bekomme oft genug ein herzliches "Halt’s Maul" entgegengeschleudert. Überwiegend verdientermaßen. Ich war immer schon eine laute, fast lächerlich selbstbewusste Person. Schon als Kind war es immer ich, die in der Schule den Ärger abkriegen sollte, aber dann doch nicht abkriegte. Weil ich mit einer tollen Gabe gesegnet bin: Ich kann mich aus jeder noch so ausweglosen Situation rausquatschen.
Ticket: Sie verabscheuen Sexismus, waren aber zwei Mal nackt auf der Titelseite eines Magazins zu sehen. Wie passt das zusammen?
Ditto: Eine fette Person zu sein und sich in der Öffentlichkeit nackt auszuziehen, das ist ein unglaublich feministischer und politischer Akt. Es ging mir nicht ums Scharfmachen von Männern oder auch Frauen, sondern um ein "Hier bin ich". Die Botschaft lautet: Du musst nicht dünn sein, um nackt auf dem Cover einer Zeitschrift zu landen. Ich war jedenfalls stolz darauf.
Ticket: Träumen Sie manchmal davon, dünn zu sein?
Ditto: Noch nie. Ich liebe mich genau so, wie ich bin. Ich war als Jugendliche mal krank und hatte stark abgenommen. Damals war ich sehr unglücklich, ich denke, diese Kombination hat sich in meinem Gehirn verankert. Ich liebe mich selbst, ich werde von anderen geliebt, ich akzeptiere mich und möchte keine andere Figur haben.

Termin: Colmar, Konzertprogramm der Weinmesse: Gossip (Vorprogramm:
Moriarty), Mi, 15. August, 20 Uhr, BZ-Kartenservice 0761/49688888.

Autor: rüth