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26. Oktober 2009

Kaspar Ewald: Immer ist die Lust der Chef

BZ-Porträt: Der Schweizer Jazzmusiker Kaspar Ewald

  1. Das Exorbitante Kabinett: Kaspar Ewald und sein Ensemble Foto: promo

Diese CDs ragen im wahrsten Sinn des Wortes heraus. Die Booklets sind taschenbuchgroße Fotobändchen, die in kein genormtes CD-Regal passen. Die Verpackung, in der die 15 Musiker und Musikerinnen in Steckbriefen auch unerwartete Auskünfte geben über die erste Liebe oder kindliche Berufswünsche , ist charakteristisch für Kaspar Ewald und das Exorbitante Kabinett: Der Baselbieter Komponist und Arrangeur und sein Ensemble bewegen sich in jeder Hinsicht außerhalb üblicher Schubladen.

Dieses Anderssein hat Ewald Attribute eingetragen wie exzentrisch, bizarr oder skurril. Wer schon erlebt hat, wie sich der 40-Jährige bei einem Auftritt – etwa im Gare du Nord beim Basel Jazzfestival 2008 – in einem alten Sessel vor seinem Orchester fläzt und in den Ansagen immer wieder zum Unterhalter wird, kann solchen Etikettierungen nicht wirklich widersprechen. Im Gegenteil: "Räuber", "Reptil" und "Ritter", die Titel der dieses Jahr vollendeten CD-Trilogie des Kabinetts, offenbaren ebenfalls einen Hang für abseitige Inszenierungen. Andererseits aber haben er und das Ensemble sich mit dieser R-Trilogie in eine Pole-Position innovativer, orchestraler Jazzensembles gespielt und sind allemal ein Exportartikel der Schweizer Musikszene dieser Tage.

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Kaspar Ewald studierte Anfang der 90er Jahre an der Musikakademie Basel und unterrichtet heute an der Musikhochschule Zürich. Mit dem Exorbitanten Kabinett aber wagt er Expeditionen, die weit über die Schulmusik hinausführen und die Grenzen zwischen der klassischen und der populären Musik virtuos auflösen. Dafür machen die Band und er in der R-Trilogie mehr als einen Spreizschritt. Das Ensemble schlängelt sich wie ein Reptil vom französischen Chanson "L’ Homme armé" aus Renaissance-Tagen ("Räuber") über eine Bearbeitung von Strawinskys "Le Sacre du Printemps" ("Die Auserwählte") auf "Reptil" zu Gustav Mahlers "Urlicht" ("Ritter"); parallel aber plündert es auf diesen Streifzügen in der Art eines Räubers Schweizer Volksliedgut oder den Fundus des Bigband-Jazz und galoppiert schließlich furchtlos wie ein Ritter von Filmmusiken zu experimentellen Rocktexturen im Stile eines Frank Zappa. So zappen diese mit musikalischen Zitaten angereicherten, raffinierten Kompositionen und Arrangements von einem Stil zum anderen; da gibt’s Anleihen bei der Minimal Music, Jazz verschiedenster Spielarten, Spurenelemente der Romantik, Elektronisches, eine Schippe Rock und immer mal wieder ironische Anspielungen und überraschende Effekte. Diese assoziationsreiche Mixtur stellt das Kabinett in eine Linie mit experimentellen großorchestralen Jazzformationen der letzten Jahrzehnte . Das Exorbitante Kabinett ist gewissermaßen eine zeitgenössische Inkarnation dieser Tradition.

Die Stücke sind mal vertrackt und verschachtelt, mal packend und mitreißend, mal verspielt und romantisch-düster. Einmal zeichnen sie geschmeidige, beseelte Jazzlinien; das andere Mal peitschen treibende, fast wütende Funk-Rhythmen das Ensemble vor sich her. Da wechseln sich harte, stupende Stakkato-Passagen der Brasssection, in die mit dem Basler Arte Quartett ein komplettes, eigentlich in der E-Musik beheimatetes Saxophonensemble integriert ist, ab mit einer poetischen Es-Klarinette (Regula Schneider), mit himmelstürmenden Solotrompeten und Hörnern oder wippenden, blubbernden Posaunen . Immer aber bleibt die "Lust der Chef", wie Ewald das Vorgehen beschreibt. Dieses Kabinett gehört in der Tat zum "aufregendsten" (Züricher Tagesanzeiger), was der europäische Jazz in diesen Tagen zu bieten hat. "Jahrhundertmusik" urteilte die FAZ gar . Nun spielt das Ensemble beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. In der Region dagegen gilt der Prophet – wie oft – einstweilen noch wenig: Ein Auftritt in Südbaden jedenfalls steht nach wie vor aus.
– CD-Trilogie: "Räuber" (2003), "Reptil" (2006) "Ritter" (2009), alle bei The Jazz Label altrisuoni.
– Konzert: Freitag, 30. Oktober, von 19 Uhr bis 24 Uhr, Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt; die Veranstaltung, bei der auch David Liebman mit dem Ellery Eskelin Quartet und Anthony Braxton mit dem Diamond Curtain Wall Trio auftreten, wird live übertragen von hr2-Kultur und kann als livestream im Internet mitgehört werden.

Autor: Michael Baas