Keine Angst vor Gefühl

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Di, 17. April 2018

Rock & Pop

Der deutsche Jazz-Pianist Michael Wollny wird bald 40 und liefert gleich eine doppelte Standortbestimmung.

Michael Wollny ist der beeindruckendste Konsens-Pianist des deutschen Jazz. Im Ernst: Man finde mal einen anderen, auf den sich vom Free-Pionier Joachim Kühn bis zur Cembalistin Tamar Halperin so unterschiedliche Künstler einigen können. Wollny ist technisch brillant, aufreizend neugierig, zutiefst intellektuell, und Angst vor Gefühl hat er auch keine. Zusammen mit Eva Kruse am Bass und Eric Schaefer an den Drums bildete er das Kollektiv [em]. Die drei standen für einen nach allen Seiten offenen Jazz: unberechenbar cool, großstädtisch nervös, klischeefrei.

Nachdem Eva Kruse verabschiedet wurde, hat Wollny sich Pop von den Flaming Lips bis David Lynch und der Klassikavantgarde des frühen 20. Jahrhunderts einverleibt. Komponiert hat er natürlich auch, Jazz-Standards dagegen praktisch nie gespielt. Dabei bleibt es auch bei der Doppelveröffentlichung, die ihm Act-Chef Siggi Loch zum Geburtstag erlaubt. Dauerwunderkind Wollny wird im Mai 40. "Oslo" ist das im legendären ECM-Schönklang-Wohnzimmer (dem Rainbow Studio) aufgenommene zweite Trio-Album mit dem druckvoll-flexiblen Christian Weber am Bass und wie immer Eric Schaefer an den Drums, die er spielen kann wie ein Kammerorchester.

Fünf Eigenkompositionen von Wollny sind darauf, zwei von Schaefer, dazu Fauré, Hindemith, Debussy. Der Anfang legt gleich eine Klammer um beide Alben: Das durchkomponierte und bald hymnisch getragene "Make A Wish" schillert mit Klangspielereien und Debussy-Wogen des Norwegian Wind Ensemble.

Das spielt auf "Longnote" ein paar Ligeti-Cluster für Blech und wirft im langen Epilog "The Whiteness of Whales" vorbereitetes Material improvisiert ein, bis das Trio übernimmt. Zwar bringt gleich "Hello Dave" muskulösen Funk, ist "Zwei Drei" (Schaefer) auf coole Weise rhythmisch vertrackt und gibt "Perpetuum Mobile" ordentlich Gas – insgesamt aber dominiert "Oslo" eine gewisse Innigkeit. Überraschende Volten fehlen, aber die Klang- und Spielkultur sind atemberaubend. Fast will man sagen: wie immer. Auf dem Live-Album "Wartburg" spielt Sopransaxophonist Emile Parisien auch als herausfordernde Energiequelle mit. Zeit zum Einspielen gab es keine, aber Jazz muss hier und jetzt bestehen, nicht erst nach der Politur. So ist Hindemiths "Interludium", auf "Oslo" eine klangliche Kostbarkeit, hier deutlich aufgekratzter in höherem Register. Mit Parisien wird Wollnys herrlicher "Engel" von 2014 eine wesentlich exzentrischere Figur, bekommt Bob Brookmeyers "White Blues" eine selbstbewusste Stimme über der Klage des Klaviers, das den Blues wie durch einen Filter bricht. Mit einer ausgedünnten Version von "Make a Wish" schließt das Trio den Bogen nach Oslo.

Mit beiden Alben will Wollny sein Trio in anderen Kontexten neu erleben, live macht er das schon länger. Die Orchester-Parts erscheinen noch ein wenig schwerfällig. Gäste auf der Bühne bringen aber neue Herausforderungen. Sollen ruhig kommen.

Michael-Wollny-Trio feat. Norwegian Wind Ensemble: Oslo (Act).
Michael-Wollny-Trio feat. Emile Parisien: Wartburg (Act).
Konzerte: Michael Wollny/Iiro Rantala, Leszek Mozdzer, 13. Juli, Baden-Baden, Festspielhaus; Michael Wollny Trio, 22. September, Jazzhaus Freiburg.
Karten (für Freiburg): Tel. 0761/4968888 oder unter http://www.bz-ticket.de