Musik als Lebenselixier

Reiner Kobe

Von Reiner Kobe

Do, 12. Juli 2018

Rock & Pop

Der afroamerikanische Trompeter Roy Hargrove tritt beim Freiburger Zelt-Musik-Festival auf.

Ein Dutzend Jahre exakt ist es her, dass Roy Hargrove bei seinem sensationellen Auftritt im Jazzhaus Freiburg das Publikum in einen Begeisterungstaumel versetzte. Das Spiel des afroamerikanischen Trompeters war energiegeladen, bestach durch Präzision und Emotion. Mit seinem neu formierten Quintett – nur Altsaxophonist Justin Robinson ist noch dabei – tritt er jetzt beim ZMF auf.

In den vergangenen Jahren hat sich Hargrove auch international rar gemacht. Vor einem knappen Jahrzehnt legte er sein bisher letztes Album vor, Aufnahmen mit einer Bigband. Wie die meisten Jazzmusiker, die auf der Tradition aufbauen, teilt der 48-Jährige seine Leidenschaft für große Klangkörper. Bereits zu Beginn der 90er Jahre, als ihn Gralshüter Wynton Marsalis entdeckte, machte er seine ersten Gehversuche mit eigenem Orchester und verlor sein Ziel mit eigenen Aufnahmen nicht aus den Augen. Wie seine Vorbilder – "Dizzy, Miles, Clifford Brown und Fats Navarro, das sind meine Väter; wenn es sie nicht geben hätte", erklärte Hargrove einmal, "würde ich heute gewiss nicht spielen" – diente sich Hargrove in Bigbands hoch, lernte und bewährte sich dort, bis er selbst ein Meister wurde.

Roy Hargrove musizierte zu Beginn seiner steilen Karriere aber in kleinen Gruppen. Durch die Zusammenarbeit mit erfahrenen Jazzmusikern ebenso wie mit führenden Musikerpersönlichkeiten aus HipHop, Rhythm ’n’ Blues, Soul und Rap wuchs er über Bop und Mainstream hinaus und aktualisierte den Jazz mit eigenen Charakteristika. Als knapp 17-Jähriger verließ er das Elternhaus in Texas: "Rückblickend bin ich froh, dass ich diesem Ausmaß von Gewalt, dem ganzen negativen Umfeld, das es in meiner Nachbarschaft gab, beizeiten entfliehen konnte." Hargrove schulte sich anderthalb Jahre auf der Berklee School of Music in Boston, der Kaderschmiede aller Jazzer, übersiedelte dann nach New York und steht seitdem auf Konzertbühnen der Welt.

Früh erkannte man im Teenager Roy Hargrove einen Rohdiamanten, den es zu schleifen galt. "Diamond in Rough" hieß das Debüt-Album Mitte der 90er Jahre. Es ließ bereits seine Vielseitigkeit als virtuoser Trompeter erkennen, der sowohl in schnellen, zupackenden Stücken als auch in gefühlvollen Balladen überzeugte. Gerade Balladen hatten es ihm angetan. "Wenn du die Texte der Songs kennst, dann weißt du auch, um was es in dem jeweiligen Song geht, dann kannst du die Stimmung projizieren, die es erfordert". In leicht elegisch-melancholischer Atmosphäre nahm er 2008 ein Balladen-Album auf, "Earfood", ein Ohrenschmaus.

Doch Roy Hargrove wäre nicht Roy Hargrove, wenn er sich im Lauf seiner zweieinhalb Jahrzehnte umspannenden Karriere nicht auf vieles eingelassen hätte. Ob durch seine Habana-Connection, eine aktuelle Fusion von Jazz und afrokubanischer Musik, seinen Tribut an Bebop-Pionier Charlie Parker, seine Zusammenarbeit mit den "Tenors of our Time", dem Treffen mit Musikerfreunden und Förderern wie Wynton Marsalis, schließlich mit RH Factor, der Funk-Grooves, HipHop-Beats, Soul Songs mit Jazzhymnen vereinte oder diverse Alben mit eigenen Gruppen – immer erwies sich Roy Hargrove als anpassungsfähiger und flexibler Musiker. Äußerlich wandelte der früher so brav und konservativ wirkende Trompeter mit Mitte 30 zum Rasta-Mann, stilistisch gern zweigleisig fahrend. Die Musik ist allemal Hargroves Lebenselixier und Sinn seines Daseins. Er sagt: "Wenn man durch die Musik eine Möglichkeit hat, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, dann erscheint einem das Leben nicht so hart und hässlich, wie es manchmal ist".

ZMF, Spiegelzelt, 20. Juli, 20.30 Uhr.