Prickelnd wie Champagner

Edward H. Tarr

Von Edward H. Tarr

Sa, 01. März 2014

Rock & Pop

Andy Schaerer mit "Perpetual Delirium" im Basler Bird’s Eye.

Es war, als hätte man Champagner kredenzt im Bird’s Eye Jazz Club in Basel. Tatsächlich war’s aber der Auftritt des ARTE-Quartetts, der so prickelte: Das Haus war voll, das Publikum kundig, das Programm vom Feinsten. Der höchst inspirierte Sänger-Komponist Andreas Schaerer führte die vier Saxophonisten und den Elektrobassisten Wolfgang Zwiauer mit dem atemberaubenden Programm "Perpetual Delirium" von einem Höhepunkt zum nächsten. Schaerer, nur ein Sänger? Weit gefehlt. Er entlockt seinem Mund auch perkussive Geräusche, die gleichzeitig mit Gesang erklingen. Seine Stimme ist extrem umfangreich – vom Tenor bis in die höchste Sopranlage. Als primus inter pares führt er, so wie er auch in den Gesamtklang eintauchen und verschmelzen kann wie ein fünfter Saxophonist oder Schlagzeuger. Lange Kadenzen mit und ohne Elektrobass-Begleitung inspirierten Musiker und Zuhörer gleichermaßen.
"Perpetual Delirium" heißt das Gesamtwerk sowie einer der acht Sätze. Dieses Auftragswerk des Quartetts erklang in zwei Sets zu je circa 45 Minuten mit den einzelnen Titeln: Großer Bruder von Q1, Artediem, La rencontre, Quartett I für Arte, Zirzensisches Mittelstück, UGG und Sampfampfe. Es wechseln träumerische Abschnitte aus langgehaltenen Akkorden und Clustern mit intensiven rhythmischen Abschnitten voller Synkopen ab. Was ist das für Musik? Neue Musik? Minimal Music? Weltmusik? Jazz? Alles zusammen. Am treffendsten ist sie als "multistilistischer Jazz" zu bezeichnen.

Die Saxophonisten Beat Hofstetter aus Laufen, Sascha Armbruster aus Lahr, Andrea Formenti aus Balerna bei Lugano und Beat Kappeler aus Reinach werden sich während des Studiums an der Musik-Akademie Basel kennengelernt haben. 1995 gründeten Sie Ihr Crossover-Quartett ARTE. Bis heute vergaben sie über 50 Kompositionsaufträge. Zunächst arbeiteten sie mit dem Amerikaner Terry Riley im Bereich der Minimal Music, 2000 kamen der Perkussionist und Komponist Pierre Favre und der Tubist Michel Godard hinzu, danach noch die Konzeptimprovisation von Fred Frith, Elektronik und die Einflüsse von World Music. Das Quartett spielte meist in der Besetzung Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsax, aber es bediente auch zwei Soprane, Tenor und Bariton oder sogar Tenor, zwei Baritone und Bass. Jeder trat mehrmals als geistreicher Solist auf. Die Ausführung von Schaerers Musik in rasendem Tempo mit häufigen Metrumwechseln bei durchgehenden Sechzehntelimprovisationen verlangte höchste Konzentration.

Der Elektrobassist Wolfgang Zwiauer aus Bern, der an der Musikhochschule Luzern unterrichtet, ist in mindestens fünf verschiedenen Formationen im Dauereinsatz. Am Donnerstag konnte man verstehen, warum er so gefragt ist. Er wirkte mit rhythmischen Riffs perfekt mit Kappeler zusammen. Deren verschiedenen Klänge in der Tiefe wären kaum auseinanderzuhalten, wenn Kappeler nicht durch "slap-tongue" feurige Akzente setzen würde. Das Bird’s Eye feiert im Sommer übrigens den 20. Geburtstag. Gruppen aller Stilrichtungen sind willkommen, vor allem aktueller zeitgenössischer Jazz, wie am Donnerstag. Man kann den Mitwirkenden zu dem inspirierenden Abend nur gratulieren.