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16. Januar 2010 00:08 Uhr
Rezension
"Schall und Wahn" – das neue Album von Tocotronic
Protestlieder und kunstvoller Sound: "Schall und Wahn" heißt das neue, das neunte Studioalbum der Band Tocotronic, das kommende Woche erscheint. Ihres Sounds und ihrer Wut wegen wird diese Band gehört und verehrt.
Man müsste das mal machen: eine Platte von Tocotronic nur von der Musik her beschreiben. Geht natürlich nicht. Oder nur anderthalb Minuten lang. So lange dauert es, bis auf dem neuen Album der Gesang einsetzt. Und die Gitarren, die gerade zu einem hymnischen Rocksong anhoben, in den Hintergrund gedrängt werden. Dann sind Tocotronic wieder die Band, die von Dirk von Lowtzows Stimme und von seinen Texten geprägt ist. Deren Zeilen in ihren Anfangszeiten zu T-Shirt-Slogans ("Ich will Teil einer Jugendbewegung sein") und später zum Objekt der Zitat-Entschlüssler wurden.
"Schall und Wahn" heißt das neue, das neunte Studioalbum der Band, das kommende Woche erscheint. Der Titel ist derselbe wie der übersetzte eines Romans des amerikanischen Nobelpreisträgers William Faulkner. Der wiederum hatte die drei Worte aus Shakespeares "Macbeth": Das Leben, sagt der tragische König, sei "eines Toren Fabel nur, voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar".
Im Englischen heißen die Wörter: "sound and fury". Was eigentlich noch besser auf Tocotronic passt: Ihres Sounds und ihrer Wut wegen wird diese Band gehört und verehrt. Seit der gebürtige Offenburger von Lowtzow Mitte der 90er Jahre nach Hamburg ging, dort an der Uni zwei Punk-Musiker traf, Drummer Arne Zank und Bassist Jan Müller, mit ihnen seinem ersten Studienort Freiburg eine Hymne der Abgrenzung widmete ("Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse / Tanztheater dieser Stadt") und weitere Protestsongs folgen ließ, seither ist er ein Held bildungsbürgerlich geprägter Indierock-Hörer.
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Aus der einstigen Studentenmusik ist längst Kunst geworden. Nicht nur, weil von Lowtzow mittlerweile in Berlin lebt und sich viel in der Künstlerszene bewegt. Sondern auch weil Tocotronic sich immer weiter entwickelt haben. So weit, dass sie jetzt auch zu ihren Anfängen zurückkehren können. Nachdem die tocotronischen Texte immer selbstreflektierter, immer anspielungsreicher geworden waren, sind nun die Slogans zurück. "Im Zweifel für den Zweifel" heißt eines der neuen Lieder. Das zeigt schon im Titel die typische Tocotronic-Haltung, nämlich die der Skepsis und Ablehnung. Auch sich selbst gegenüber: "Im Zweifel für Verzärtelung und meinen Knacks", singt von Lowtzow. "Macht es nicht selbst" ist ein Protestlied gegen die in der Konkurrenzgesellschaft immer mehr zunehmende Verschiebung aller Verantwortung auf den Einzelnen. Und "Stürmt das Schloss" ist ein wütendes Lied gegen den Casting-Wahn.
Aber das ist nur die eine Seite. Nach den letzten beiden eher monolithischen Alben "Pure Vernunft darf niemals siegen" und "Kapitulation" fächern Tocotronic auf "Schall und Wahn" ihr ganzes Spektrum auf, erweitern es auch.
Das erste Stück, "Eure Liebe tötet mich", erzählt in der Ich-Form von einem, der begraben wird. Im zweiten, "Ein Hauch von Terror", fallen Winde von den Bergen und der Sänger bietet allen Flüchtenden ein offenes Ohr. Das dritte beginnt so: "Die Folter endet nie / wir werden dennoch siegen." Texte, die an die Lyrik Baudelaires erinnern – oder an das Vokabular von Metal-Bands. Tocotronic als Romantiker, die Gegenwart in archaischen Bildern spiegeln. Dass von Lowtzow sich lieber solcher Vokabularien bedient als Befindlichkeiten zu schildern, betont er immer wieder.
Der Hang zum Kunstwerk hat auch die Musik erfasst. Ganze acht Minuten lang ist das Eröffnungsstück, es hat lange Instrumentalpassagenmit verzerrten Gitarren, die sich dröhnend steigern. Es ist wohl der Einfluss des heute vierten Mannes in der Band: Der amerikanische Wahl-Hamburger Rick McPhail gibt zu, dass er frühen Prog-Rock von Genesis genauso mal gerne hört wie Mainstream-Rock von Kansas. Bei seinem dritten Album mit Tocotronic darf er das auch einbringen. Am Ende gibt es mit "Gift" nochmal ein achtminütiges Stück, das den Bogen von Velvet Underground zu Pink Floyd schlägt.
Zwischendurch ist die Soundvielfalt groß. Vom Komponisten Thomas Meadowcroft, einem australischen Wahlberliner, haben Tocotronic sich Streicherarrangements schreiben lassen. Auf vier Stücken singen – zum ersten Mal auf einer Tocotronic-Platte – Frauen mit. Es gibt warme Akustikgitarren und witzige Elektroklänge.
Tocotronic haben sich von der Musik genauso wegtragen lassen wie von der Sprache, Schall und Wahn kommen zusammen. Oder wie Dirk von Lowtzow im Titelstück des Albums singt: "Schall und Wahn / ich bin euch untertan." Auch wenn Tocotronic auf ihrer Verweigerungshaltung gegenüber allen Autoritäten beharren und ein Lied "Keine Meisterwerke mehr" nennen, haben sie doch ein solches gemacht.
– CD: Tocotronic, Schall und Wahn (Universal), erscheint am 22. Januar. Konzert: Freiburg, E-Werk, Di, 9. März, BZ-Kartenservice 01805/556656.
Autor: Thomas Steiner
