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15. Juni 2012

Schere, Pappe und viele Mikrofone

Der Jazzchor Freiburg stellt seine neue CD "A Cappella" vor.

  1. Am Sonntag wieder live im Theater Freiburg zu hören: Bertrand Gröger und der Jazzchor Freiburg Foto: Thomas Kunz

Am Ende war es die regionale Variante. Seit längerem hatte der Jazzchor Freiburg seine neue CD "A Cappella" fix und fertig aufgenommen. Bertrand Gröger, Gründer, Leiter und Motor des Chores, hatte das Album einschlägigen Plattenfirmen angeboten, eine größere hatte Interesse gezeigt und dann doch Nein gesagt. Chormusik hat es im CD-Markt schwer. Im vergangenen Dezember aber gastierte der Jazzchor an zwei ausverkauften Abenden im Freiburger Jazzhaus. Dessen Chef Michael Musiol war begeistert – und bot an, das Album des Chores auf seinem Label zu veröffentlichen.

So wird "A Cappella" nun ab Mitte Juli dank Jazzhaus Records in ganz Deutschland und darüber hinaus erhältlich sein. In Freiburg gibt es die CD aber schon früher: am kommenden Sonntag beim Release-Konzert des Chores im Theater und in zwei ausgewählten CD-Läden.

"Ich wollte es nicht ohne Label machen", sagt Bertrand Gröger. Viele Chöre veröffentlichen ihre CDs in Eigenregie, in karger Ausstattung nur mit Beiblatt und verkaufen sie auf Konzerten und über ihre Netzseiten. Der Jazzchor hat das mit einer ersten Auflage von "A Cappella" auch so gemacht. Nun aber kommt das Album bei Jazzhaus Records in schöner Digipack-Gestaltung. Die Künstlerin Nina Christen hat – mit Pappe und Schere – für Cover und Booklet zu jedem Song eine hübsche Illustration hergestellt.

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Das Bild zum ersten Song, dem Titelsong "A Cappella" sind fünf alte Gesangsmikrofone. Es hätten noch mehr sein können. Mit rund 20 Mikrofonen nämlich ist das Album aufgenommen worden. "Ohne aufwändige Mikrofonierung ist moderne A-Cappella-Musik nicht möglich", sagt Gröger. Das Klangideal ist nicht mehr das klassischer Chormusik sondern das der Popmusik. Und deshalb wird nicht mit einem einzigen Overhead-Mikrofon der gesamte Chor aufgenommen, sondern alle Stimmen werden zu zweit oder alleine aufgenommen. Was es erlaubt, hinterher die Balance oder einzelne Stimmen nachzubearbeiten und so etwa den Bässen mehr Volumen zu verleihen.

Gemacht wurden die Aufnahmen für "A Cappella" an einigen Fasnachtsferien-Tagen in der Freiburger Lortzingschule, wo der Chor auch probt. Eigens angereist war dafür der dänische Tontechniker Henrik Birk Aaboe. Er hat den Aarhuser Chor Vocal Line aufgenommen. Mit dessen Leiter Jens Johansen ist Bertrand Gröger befreundet. Weil er die Aufnahmen von Vocal Line so gut fand, bat er Johansen, als Produzent für die Jazzchor-CD zu fungieren. Abgemischt wurde dann in Dänemark, wohin wiederum Gröger reiste, zusammen mit Klaus Frech, seinem Kieler Co-Arrangeur.

Elf Stücke sind auf dem Album, alle dem Titel entsprechend a cappella aufgenommen, ohne die dreiköpfige Band, die sonst den Chor begleitet. Sie hat auch Pause, wenn der Jazzchor im Herbst mit dem Albumrepertoire eine Deutschland-Tournee unternimmt. Perkussives gibt es trotzdem: Die Mund-gemachten Beats von Julian Knörzer rhythmisieren sechs der Titel, darunter das brasilianische "Magalenha".

Der Name führt beim Jazzchor Freiburg ja bekanntlich etwas in die Irre. Das Ensemble hat auf dem Album zwar die Swing-Titel "Shiny Stockings" von Frank Foster und "Cute" von Neal Hefti im Programm, aber eben auch Weltmusikalisches wie den "African Call" von Gröger und Frech oder "La Muerte del Angel" von Astor Piazolla. "Ich mag die Vielfalt", sagt Gröger. Wie manch anderer Chor nur auf der Jazz- und Pop-Klassiker-Schiene zu fahren, das wäre ihm zu einfach. Einen Beatles-Song neu zu arrangieren, lässt er sich aber nicht nehmen: John Lennons Schlaflied "Good Night" beschließt das "A Cappella"-Album, wie es einst das Weiße Album beschlossen hat.

Dramatische

Lautmalerei

Grögers Arrangement für dieses Stück entfernt sich vom Original: Im Mittelteil wird es auf lautmalerische Weise fast dramatisch. Ohne Worte singt der Chor öfters auf dem Album. So entsteht ein orchestraler Eindruck, den Gröger gerne mag. Manchmal klingen die Stimmgruppen wie summende Streicher oder wie ein attackierender Bläsersatz. In Torun Eriksens Stück "In Person" begleitet der Chor die norwegische Sängerin meist wortlos, um dann nur einige Worte doch mitzusingen und ihnen besonderen Nachdruck zu verleihen.

Neben Eriksen sind auf dem Album weitere Gastsolisten zu hören. Am Sonntag beim Konzert werden sie nicht dabei sein können. Was für dieses Mal ein Vorteil ist. Weil ja am selben Abend noch das dritte Deutschland-Spiel bei der EM ansteht, beginnt der Auftritt des Chors bereits um 18 Uhr. Und Bertrand Gröger hat sich einen genauen Zeitplan für das Konzert gemacht, exklusive eben lange Ansagen für Gäste, aber inklusive langem Applaus. Spätestens um 20.25 Uhr ist Schluss, verspricht Gröger, damit alle Konzertbesucher noch zum Anpfiff vor einen Fernseher kommen. Wer sich beeilt, kann auch noch das neue Album mitnehmen.
– CD: Jazzchor Freiburg, A Cappella (Jazzhaus Records/Inakustik), erhältlich ab 13. Juli, in Freiburg bereits im CD-Center und bei O-Ton. Konzert: Theater Freiburg, Großes Haus, So, 17. Juni, 18 Uhr. BZ-Kartenservice 0761/496 8888.

Autor: Thomas Steiner