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16. Oktober 2010

Interview

Selig-Sänger Jan Plewka: „Wir haben viel geweint“

BZ-INTERVIEW: Selig-Sänger Jan Plewka über die Wiedervereinigung der Band und ihr neues Album / Konzert in Freiburg.

  1. Reifer gewordene Egos: Jan Plewka (M.) mit Selig Foto: mathias Bothor

Selig legen nach. Die Hamburger waren anfangs der 90er Jahre als Deutschlands Antwort auf Nirvana und die Black Crowes gehandelt worden. Nach großen Erfolgen aber trennten sie sich 1998. Zehn Jahre später fanden sie wieder zueinander. Nach einer ersten Comeback-Platte 2009 und einer Tour dazu haben sie nun mit "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" schon wieder eine Platte gemacht, die sie Ende November in Freiburg vorstellen. Steffen Rüth sprach mit Sänger Jan Plewka, 39.

BZ: Jan Plewka, das große Comeback ist erst ein Jahr her, jetzt gibt es schon wieder ein neues Selig-Album. Was ist da los?
Jan Plewka: Wir hatten halt ständig kleine kreative Orgasmen. Uns fiel wahnsinnig viel ein. Und jetzt wundern sich echt alle, dass es so zügig ging mit der neuen Platte. Manche meinen, wir sind schon wieder viel zu schnell. Aber wir sind atmende Leute. Mit Wiedervereinigung, Tour und Platte haben wir sehr intensiv eingeatmet, das musste auch verarbeitet werden. Und das geht am besten mit neuer Musik.
BZ: Was ist Ihr bisheriges Fazit aus der Wiedervereinigung?

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Plewka: Wir haben wahnsinnig viel Positives erlebt. Ganz viele emotionale Glücksmomente sind da passiert. Bei der Tour haben wir wirklich viel geweint auf der Bühne und vor der Bühne. Es war ein großes Wiedersehen mit vielen Menschen.
BZ: Dass die Leute Selig nicht vergessen haben, das war doch klar.
Plewka: Schon, aber nicht in diesem Ausmaß. Für uns selbst war es ja das Größte und Schönste, dass wir überhaupt wieder zusammengekommen sind. Das hätte ja auch niemand gedacht. Das ist schon ein Traum.
BZ: Hat die Tour die Band noch mal zusätzlich zusammengeschweißt?
Plewka: Ja. Und auch die Studiozeit jetzt wieder. Auf der neuen Platte hört man die Band in Reinkultur. Wir hatten eine kurze Pause, haben uns dann bei Christian Neander, unserem Gitarristen, getroffen, und gleich kamen neue Ideen raus.
BZ: Die neuen Lieder klingen dreckig, gleichzeitig melodiös. Wollten Sie Hits schreiben?
Plewka: Für kalkulierte Hits war Selig immer schon die falsche Adresse. Wir haben das einmal ansatzweise versucht, Ende der 90er, und danach gab es uns die nächsten zehn Jahre nicht mehr. Das Anliegen der neuen Platte ist es, eine gewisse Leichtigkeit in die Welt hinaus zu schicken. Einer Welt, die sehr schwer geworden ist. Ich glaube, dass wir das können, weil wir sehr glückliche Menschen geworden sind.
BZ: Ein bisschen haben Selig aber den Grunge wiederentdeckt, oder?
Plewka: Wir spielen einfach. Und ab und zu klingt man dann eben wie die Chili Peppers. Was raus kommt aus dem Unterbewusstsein, das kommt raus.
BZ: Wer ist denn die "Dramaqueen" aus dem gleichnamigen Stück?
Plewka: Es gibt viele solcher Männlein und Weiblein, die sehr egomanisch sind und keinen Platz für andere Leute lassen. So war das damals auch bei uns, "Dramaqueen" ist also praktisch ein Lied über Selig in den späten 90ern. Wir waren dermaßen egoistisch, dass wir uns gegenseitig körperliche wie seelische Schmerzen zugefügt haben. Heute können wir mit unseren Egos besser umgehen, sind älter und reifer geworden.
BZ: Das Titellied "Von Ewigkeit zu Ewigkeit" ist eine Ode an die Liebe. Eine Hymne voller Pathos. Wo haben Sie den Text geschrieben?
Plewka: In Schweden, auf einem Berg. Wir hatten dort mit Freunden Silvester gefeiert, uns alle umarmt und ich dachte "Wow, wie sage ich es meiner Partnerin Anna, dass ich sie unendlich liebe?" Gerade Silvester ist ja so ein Tag, an dem es oft knallt oder aber man denkt, "irgendwann ist man nicht mehr da und kann sich nicht mehr in den Arm nehmen".
BZ: Was hält Anna von dem Lied?
Plewka: Sie hat tatsächlich geweint und gemeint: "Das hast du schön geschrieben, Jan." Es ist wirklich Wahnsinn mit uns beiden. Seit 19 Jahren sind wir zusammen, haben wirklich alles gemeinsam durchgemacht.
BZ: Sie haben drei Töchter miteinander. Ist "Wirklich gute Zeit" auch ein lebensbejahender Song über Ihre Familie?
Plewka: Das ist eher ein Lied darüber, dass freie Liebe scheiße ist. Da geht es um ein Paar, das sich gesagt hat, jeder kann machen, was er will. Er sieht sie dann eines Tages mit einem anderen Typen und merkt: "Das tut weh". Am Ende lässt er sie los, weil er es nicht mehr aushält.
BZ: Welche Werte sind in einer Beziehung am wichtigsten?
Plewka: Urvertrauen und Leidenschaft.
BZ: Gilt das auch für die Beziehungen in der Band Selig?
Plewka: (lacht) Das kann man genau so schreiben.

– CD: Selig, Von Ewigkeit zu Ewigkeit (Vertigo/Universal). Konzert: Freiburg, Jazzhaus, Di, 23. November, Info: BZ-Kartenservice 0761/496 8888.

Autor: rüth