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20. November 2008

"Sie waren die ersten 68er"

BZ-INTERVIEW: Dirk Görtler über die Autoren der Beat Generation / Vorträge und eine Ausstellung.

Ohne die Beat Generation wären die USA heute nicht das, was sie sind, meint Dirk Görtler. Der Dozent der Freiburger Freien Hochschule für Grafik-Design und Kenner der US-(Gegen)-Kultur hat sich mit Studenten Jack Kerouacs Roman "Unterwegs" gewidmet, über die Beat Generation hält er heute einen Vortrag. Nächste Woche sind der Übersetzer Carl Weissner und die Übersetzerin Pocacio im Freiburger Carl-Schurz-Haus zu Gast, die die Beat Generation mit nach Deutschland brachten. Mit Görtler sprach Thomas Steiner.

BZ: Herr Görtler, Sie haben Ihre Grafik-Studenten Kerouacs "Unterwegs" illustrieren lassen. Wie fanden die Studenten den Kultroman früherer Generationen?
Dirk Görtler: Die Idee war, dass sie sich mit diesem Buch auseinandersetzen, das vor 50 Jahren erschienen und die Keimzelle der heutigen Pop- und Jugendkultur ist. Es hat nicht allen gefallen. Andere fanden es faszinierend, sie haben gemerkt, dass sie leben, was da beschrieben wird.
BZ: Was ist auf ihren Grafiken zu sehen?
Görtler: Sie mussten erst einen Umschlag für das Buch gestalten. Das ist wie eine Werbefläche, da muss man die Klischees von "On the Road" abhaken: die 50er, die Autokultur mit stromlinienförmigen Tankstellen und Motels. Bei den Sachen für innen haben sie versucht, die Stimmung darzustellen, wie die zwei Männer durch ganz Amerika unterwegs sind. Sie haben auch den Hudson von 1949 gegooglet, damit sie das richtige Auto haben.

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BZ: Wann haben Sie selbst Kerouac zum ersten Mal gelesen?
Görtler: Erst in den frühen 70er Jahren. Ich habe die ganze Hippie-Zeit hier in Freiburg mit allem Drum und Dran mitgemacht. Über die Rockmusik wurde ich aufmerksam auf das, was vorher war, und dachte mir, du musst mal Ginsberg, Kerouac, Burroughs lesen.
BZ: Waren die Bücher zu bekommen?
Görtler: Da brauchte man jemanden wie Pocacio, die Übersetzerin, die einen Versandhandel in Bonn hatte. Sie hat die Originalliteratur verschickt. Auf dem deutschen Buchmarkt gab es nur Kerouac, von Ginsberg ein paar Sachen und von Burroughs ganz schlechte Übersetzungen im Ullstein-Taschenbuch.
BZ: Burroughs wurde dann vom Mannheimer Carl Weissner übersetzt, der fast schon selber eine Legende ist. Was wird er nächste Woche erzählen?
Görtler: Er ist damals Ginsberg und Burroughs in Amerika begegnet, hat Projekte mit ihnen gemacht und kam dann dazu, sie zu übersetzen. Im Umgang waren sie ja nicht ganz einfach, da gibt es bestimmt interessante Anekdoten zu erzählen.
BZ: Der Untertitel Ihres Vortrags heute lautet: "Eine literarische Bewegung verändert Amerika". Konnten das ganze drei Leute mit ihren Büchern?
Görtler: Ich würde das so sehen. Die Bücher sind das eine. Wenn man "Howl" liest, da wird zum ersten Mal Homosexualität nicht nur erwähnt, sondern rausgeschrien. Dann Kerouac mit der Sinnsuche in der Weite des Landes. Burroughs kam erst mit der Punk-Bewegung nach vorne, weil die sich für Paranoia-Literatur interessierte. Aber das andere war der Lebensstil: Die haben Sachen ausprobiert, waren auf der Suche nach bewusstseinsverändernden Zuständen. Ginsberg und Burroughs sind nach Mexiko gegangen und mit natürlichen Drogen in Kontakt gekommen. Das haben sie in den "Yage Letters" veröffentlicht. Kerouac konnte damit allerdings nichts anfangen, er war Alkoholiker.
BZ: Eigentlich waren die Beatniks die Vorläufer der Hippies und der 68er?
Görtler: Nehmen Sie nur die Befreiung von sexueller Zwangsmoral. Das hat Kerouac in seinen Büchern beschrieben. Manchmal, in "Dharma Bums", hat er übertrieben mit den sexuellen Eskapaden. Aber die Frage nach der Paarbeziehung oder dem offenen Zusammenleben ist beim ihm schon 1958 nachzulesen.

– Vortrag Dirk Görtler: "Unterwegs" zur Erneuerung Amerikas, Beat Generation 1955–1968. Heute, Carl-Schurz-Haus, 20 Uhr. Podiumsdiskussion und Lesung mit Carl Weissner und Pocacio, Carl-Schurz-Haus, Mi, 26. November, 20 Uhr. Ausstellung "Jack Kerouac – Unterwegs", Carl-Schurz-Haus, bis 12. Januar, Mo bis Fr 10–18 Uhr.